Lebenslauf von Barbara Heller
Am 11. November 1936 kam Barbara Franziska Heller als zweite Tochter der Eheleute Eugen und Anna Heller, geb. Bergmiller, in Ludwigshafen zur Welt. Mit ihrer 6 Jahre älteren Schwester Erna wuchs sie in einer sehr vom katholischen Glauben geprägten Familie auf. Der Vater war Kirchenkunstrestaurator und die Mutter stammte aus einer Kirchenmalermeisterfamilie. Ab 1943 lebte die Familie in Hammelbach im Odenwald. Die Eltern ermöglichten ihren beiden Töchtern Klavierunterricht bei dem Cembalisten Albert Hofmann zu nehmen, der sich ebenfalls vor den Kriegswirren in den Odenwald zurückgezogen hatte. 1948 kehre die Familie zunächst nach Ludwigshafen zurück, um dann ein Jahr später nach Mannheim überzusiedeln. Schon damals entstanden erste kleine Kompositionen für Klavier, wie Walzer, Allegretto, Capriccio, Thema und Variationen, Largo und Wanderung über das Gebirge, die Barbara Heller ihrer Mutter widmete. Bis 1954 besuchte Barbara Heller das Mädchenrealgymnasium Liselotteschule in Mannheim, das sie mit der mittleren Reife verließ. Zum Abschied schenkte ihr ihr damaliger Musiklehrer das Buch Die Frau in der Musik von Sophie Drinker, dessen Bedeutung sie erst viel später begriff und verstand. Zur gleichen Zeit erhielt sie weiter Klavierunterricht bei Helmut Vogel, der auch die kompositorische Begabung der jungen Pianistin erkannte und sehr förderte. Meine ersten Kompositionsversuche waren Klavierstücke, die ich nur für mich selbst aufschrieb und anfangs auch nur selbst in Konzerten gespielt habe. Sie waren inspiriert von der Klavierliteratur aus meinem Unterricht bei Helmut Vogel.(Zitat Barbara Heller) Ab 1954 studierte Barbara Heller an der Musikhochschule in Mannheim Komposition bei Hans Vogt und Gesang bei Leni Neuenschwander und weiterhin Klavier bei Helmut Vogel. In diesen Jahren komponierte sie Scherzo (1954) und Suite (1956) für Klavier. Daneben erhielt sie ein Stipendium für die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, wo sie Seminare bei den Komponisten Hermann Heiss und David Tudor besuchte. Die Ferienkurse waren eine glückliche Gelegenheit, um dem Einfluss der Eltern zu entkommen (Zitat Barbara Heller). Da die Eltern großen Wert auf eine sichere Arbeitsstelle legten, musste sie sich verpflichten nach dem Studium als Klavierlehrerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nach dem Examen 1957, ich war 22 Jahre alt, erhielt ich eine Dozentur an der Staatlichen Musikhochschule für Musik und Theater in Mannheim, die ich bis 1962 ausübte (Zitat Barbara Heller). Neben ihrer Haupttätigkeit als Klavierdozentin war sie auch ständige Begleiterin des Solotänzers Roger George, mit dem sie in Deutschland und in der Schweiz gastierte, spielte daneben noch Bratsche und Querflöte bzw. sang im Chor. In meinem damaligen Bewusstsein war ich einfach eine Musikerin, eine Pianistin, die manchmal auch komponierte, allerdings kaum Klaviermusik (Zitat Barbara Heller). Kompositionen aus dieser Zeit sind die Drei Liederfür Sopran nach Texten von Hermann Hesse, die 5 Gesänge für Vokalquartett, eine Sinfonietta für Kammerorchester und ein Streichquartett; 1961 entstanden außerdem Meine Musca Domenica – Meine Stubenfliege für Sopran und Klavier nach einem Text von Joachim Ringelnatz, die Chorballade Die Lateinarbeit mit Klavierbegleitung und Drei Stücke für Flöte und Klavier. 1962 ging Barbara Heller für ein Jahr nach München, um u.a. bei Harald Genzmer an der Musikhochschule zu studieren. In dieser Zeit entstanden das Klavierbuch Für jeden Tag und die Sonatine für Klavier, die Kinderspiele und die Sonatine für Blockflöte. Im Sommer 1963 erhielt die junge Komponistin ein Stipendium in Siena zu den Sommerkursen für Filmmusik, wo ein Spielfilm vertont werden sollte. Im selben Jahr entstanden die vierhändigen Klavierstücke Für vier Hände. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland heiratete Barbara Heller den Physikstudenten Martin Reichenbach. Das Ehepaar zog nach Darmstadt, wobei sie mit Klavierunterricht und – bis zur Geburt ihres Sohnes – als Pianistin den Lebensunterhalt der Familie verdiente. Ich hatte in dieser Zeit die Musik verloren und dachte sie nicht mehr zu finden (Zitat Barbara Heller). 1965 kam ihr Sohn Sebastian zur Welt. Durch das Eheleben und die Mutterschaft fühlte sie sich von der Musikwelt so gut wie ausgeschlossen. In diesen Ehejahren von Herbst 1963–1972 entstanden nur einige wenige Werke: die Toccatina und das Presto für Klavier, beides Stücke, die sie heimlich komponierte, sowie ein paar serielle Experimente, die durch einen Kurs bei dem Komponisten Karlheinz Stockhausen angeregt wurden. Eine freudige Abwechslung bot sich ihr 1970 durch das Angebot der Stadt Darmstadt, den Nachlass des Darmstädter Komponisten Hermann Heiss (1997-1966) zu archivieren und zu ordnen. Viele Anregungen erhielt sie daneben durch die regelmäßigen Besuche der Darmstädter Ferienkurse. Im Jahr 1973 ließen sich Barbara Heller und Martin Reichenbach scheiden. Barbara Heller lebte weiterhin in Darmstadt, pflegte Freundschaften und Kontakte zu den dort ansässigen Künstlern und arbeitete wieder als Pianistin und Klavierlehrerin. Als Pianistin begann sie nun Werke von Komponistinnen aufzuführen, wodurch sie eine gefragte Interpretin in Deutschland und im europäischen Ausland wurde. 1975 gab sie bei dem Verlag Schott International die Dokumentation über Hermann Heiss in den Darmstädter Beiträgen zur Neuen (Band XV) heraus. 1978 gründete sie mit der Dirigentin Mascha Blankenburg und der Komponistin Siegrid Ernst den Arbeitskreises Frau und Musik in Köln. In dieser Zeit entstand auch ihr erstes größeres Klavierwerk MMM-Meer (mehr) Musik als Malerei. 1979 reiste sie nach New York zur Kontaktaufnahme mit The league of women composers, um neue Kontakte zu Komponistinnen (u.a. zu Doris Hays) zu knüpfen. Durch das erste Frauen Musik Festival in Bonn, wo sie u.a. Pauline Oliveros kennen lernte, wurde sie ermutigt ihren Weg als Komponistin weiter zu verfolgen. 1980 gründete sie mit der Sopranistin Isabel Lippitz das Alma Mahler Duo. Trotz der Kompositionsarbeit wurde Barbara Heller nicht müde, sich immer wieder für die Belange der Frauen in der Musikszene einzusetzen. So ging sie z.B. im Jahr 1981 auf Vortragsreise mit den Musikwissenschaftlerinnen Eva Rieger und Eva Weissweiler. Bei den Sommerferienkursen der Neuen Musik in Darmstadt begegnete sie Klarenz Barlow, Alwin Curran u.v.m., die sie als Komponistin inspirierten und sie fühlte sich ermutigt, auf dem eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Verschiedene Interpreten und Interpretinnen, wie die Pianistinnen Liana Serbescu und Roswitha Aulenkamp, interessierten sich nun für ihre Kompositionen, was zu einigen Kompositionsaufträgen führte. Im Jahre 1983 folgte eine sehr kreative Phase, in der die Klavierwerke Freude und Trauer, Eiskalt und Anschlüsse entstanden. Barbara Heller war als Komponistin angekommen und konnte sich nun auch als solche annehmen und bezeichnen. 1984 entstanden das Sommertagebuch Currant - Johannisbeeren für Klavier, das sie Alvin Curran widmete, sowie Scharlachrote Buchstaben für Klavier (ein Auftragswerk des Pianisten Franzpeter Goebels zum 300. Geburtstag von Domenico Scarlatti). Ab 1985 entschied sich Barbara Heller – trotz ihrer angespannten finanziellen Situation – nur noch als Komponistin bzw. als Pianistin und nicht mehr als Pädagogin tätig zu sein. Es folgten fruchtbare Kompositionsjahre mit zahlreichen Auftragsarbeiten, wie u.a. 1985 das Duo Eins für Zwei für Cello und Violine, das von der Cellistin Barbara Brauckmann in Auftrag gegeben worden war. Im selben Jahr gründete Barbara Heller mit der Geigerin Helga Wähdel das Tailleferre-Duo und mit dem Geiger Konstantin Gockel das Darmstädter-Duo. 1986/87 komponierte sie für eine Ausstellung der Goldschmiedin Barbara Gasch die Klavierstücke Schmuckstücke; daneben entstanden außerdem Tagebuchblätter für Violine und Klavier, Flötentöne für Soloflöte, Anna Z. für Klavier, Was es ist für Singstimme und Klavier, Trauernde Sirene für Violine und Klavier, Furore – ein Traum für Klavier, Zugabe für Klarinette und Klavier und die Tonbandmusik Signet ABC. Als Vorstandsmitglied des Institutes für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt sah sie es als eine wichtige Aufgabe an, das Thema Frau und Musik mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Deshalb begann sie mit der Pianistin Liana Gavrila-Serbescu eine Edition des Klavierwerkes von Fanny Hensel.. Außerdem pendelte sie nun häufiger zwischen Darmstadt und Köln hin und her, um die vielen beruflichen Kontakte zu erfüllen und eventuell einen Anschluss an die Kölner Musikszene zu finden. Letztendlich entschied sie sich doch wieder ganz nach Darmstadt zurückzukehren. 1987 entstanden die musikalische Grafik Im Feuer ist mein Leben verbrannt, Intervalles für Klavier sowie Nah und Fern für Solobratsche. 1988 erhielt Barbara Heller einen Lehrauftrag für das Wintersemester an die Akademie für Tonkunst in Darmstadt, wo sie Vorlesungen über Komponistinnen im 20. Jahrhundert hielt. Ende 1989 verabschiedete sie sich aus dem Konzerbetrieb und widmete sich nur noch dem Komponieren. Die Auseinandersetzung mit den Geheimnissen der Musik, die große Hörlust und die Suche nach der ewigen Melodie dominieren in meinem reichen und dynamischen Leben. Ich habe es 1982 ein mal so formuliert und beschrieben: Ein Intervall ist der Abstand zwischen zwei Tönen. Mein Leben ist ein Intervall zwischen Geburt und Tod. Ich diene der Erfüllung dieses Zwischenraumes. Mit dem Anfang ist mein Ende schon bestimmt. Alle Träume. Leidenschaften, Bemühungen und Ereignisse Meines Lebens können daran nichts ändern (Zitat Barbara Heller). 1989 entstand nach dem Tod ihrer Mutter der Zyklus Quintenbuch für Klavier, den sie dieser widmete. Weitere Werke in diesem kreativen Jahr waren: Lalai für Violine und Klavier, Tonschleifen, Hörfenster und Hintergrund-Vordergrund, zwei Gemeinschaftsproduktionen mit Nikolaus Heyduck. 1990 folgte Barbara Heller einer Einladung des Goethe Institutes nach Toronto/Kanada, um am kanadisch-deutschen Symposium Women Aesthetics Theory Practice teilzunehmen. 1991 erhielt sie vom SFB und SDR den Auftrag ein Klavierstück zu komponieren und es entstand Un Poco. Hier habe ich Versuche mit dem Nachhall und nach Klangfarben gemacht, und einige andere Experimente (Zitat Barbara Heller). Gemeinschaftsaktionen mit den bildenden Künstlerinnen Franca Weiss, Eva Korn und Eva Dahmen-Schmitt prägten die Jahre 1991–1995. 1994 komponierte sie während einer Arbeitstagung in Paris Kartenspiele, Il pleut a Paris (45 grafische Notationen). Es sind intuitive Entwürfe für ganz persönliche Mitteilungen (Zitat Barbara Heller). In den folgenden Jahren erhielt Barbara Heller viele Kompositionsaufträge, u.a. von der italienischen Komponistin Ada Gentile für das Festival di Musica Contemporana 1997 in Rom, für das sie Triandafila für Horn und Querföte komponierte. 1998 komponierte sie für den Klangnovember in Aarau/Schweiz Come una Colomba (Wie eine Taube). 1999 entstand auf Anregung von Julien Singer das Hundertmelodienbuch für Blockflöte. Ab Herbst 2000 arbeitete Barbara Heller mit Isolde Weiermüller-Backes zusammen an dem Lexikon Klaviermusik von Komponistinnen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Verzeichnis mit Hinweisen für den Unterricht, Düsseldorf 2003. Auf Einladung der Komponistin Marta Ptaszynska nahm Barbara Heller am 31.03. 2000 in Chicago im Rahmen des Festivals German Poetry an der Uraufführung ihres Liederzyklus Nun sind die Kraniche längst im Süden teil. 1999 entstanden die Quint-Spiele für Klavier, die sie mit der Klavierpädagogin Monika Thiery veröffentlichte. Im April und im Oktober 2002 war Barbara Heller Gast an der Musikschule/Konservatorium in Bern/Schweiz, wo ihr Liederzyklus Nun sind die Kraniche längst im Süden seine Schweizer Erstaufführung mit der Sängerin Katharina Spielmann und der Pianistin Blanka Siska erfuhr. 2003 war das Jahr der Intervalle. Durch den Erfolg der Quint-Spiele wurde Barbara Heller immer wieder gefragt, ob sie nicht auch über andere Intervalle Stücke komponieren könnte. So entstand das Intervallbuch, das im Jahr 2006 bei Breitkopf & Härtel erscheinen wird. Im Oktober 2003 fuhr Barbara Heller mit der Filmemacherin Gudrun Frank-Wissmann und Isolde Weiermüller-Backes zu Filmaufnahmen über die Schweizer Komponistin Anny Roth-Dalbert nach Sent/Oberengadin. In dieser Zeit komponierte sie auch Grillen für Fenchel, ein Auftragswerk des Verlegers Peter Tonger, und Weiße Tasten-Schwarze Tasten für den Pianisten Werner Barho. Im Januar 2004 wurde die zweite Filmdokumentation gedreht, diesmal mit Barbara Heller und der deutsch-amerikanischen Komponistin Ursula Mamlok, die zu Besuch in Deutschland weilte. Barbara Hellers Beitrag zum 25jährigen Jubiläum des Arbeitskreises Frau und Musik im Jahre 2004 in Frankfurt war das Nacht-Tagebuch, ein Klavierwerk, das sehr die damalige Lebenssituation der Komponistin widerspiegelte. 2004 war auch Barbara Hellers Walzerjahr. Auf Anregung von Isolde Weiermüller-Backes komponierte Barbara Heller Walzer für jeden Tag. Diese Walzersammlung erschien im März 2006 anlässlich des 70jährigen Geburtstages der Komponistin bei dem Verlag Schott Musik International. Seit 1996 verbringt Barbara Heller die Winterzeit auf der Insel La Gomera. Ich war 1996 das erste Mal längere Zeit auf Gomera. Als ich 60 war, war ich müde. Für drei Monate habe ich mich aus der Welt gestohlen. Ich war ganz allein auf Gomera. Da ist etwas mit mir passiert (Zitat Barbara Heller). Den Rest des Jahres lebt sie in ihrem Haus im Odenwald. Ich lebe hier in einem Lehmhaus, das ich von meinem Vater geerbt habe. Hier erlebe ich Geborgenheit (Zitat Barbara Heller). Ab und zu kann man sie auch in ihrer Wohnung in Darmstadt antreffen. Seit dem Jahr 2005 arbeitet die Komponistin an Klavierstücken mit dem Titel Kleine Blüten und an verschiedenen Kompositionsaufträgen. Zum 70. Geburtstag der Komponistin wird das Buch Begegnungen mit Barbara Heller im Wolke Verlag (ISBN 3-936000-39-5) erscheinen, das von Ursula Levens herausgegeben wird. Stand April 2006 Beitrag von Isolde Weiermüller-Backes |
Letzte Änderung am 5.3.2008

Am 11. November 1936 kam Barbara Franziska Heller als zweite Tochter der Eheleute Eugen und Anna Heller, geb. Bergmiller, in Ludwigshafen zur Welt.