Arthur Honegger (1892-1955)

Jeanne d'Arc au bûcher

(Johanna auf dem Scheiterhaufen)

Allgemeine Angaben zum Oratorium:

Titel: Jeanne d'Arc au bûcher
Titel deutsch: Johanna auf dem Scheiterhaufen
Entstehungszeit: 1934/35, rev. 1944
Uraufführung: 12. Mai 1938 in Basel (konzertant)
13. Juni 1942 in Zürich (szenisch)
Besetzung: Sprecher, Solisten, gemischter Chor (SATB) und Orchester
Spieldauer: ca. 75 Minuten
Erstdruck: Paris: Senart, 1939 (Klavierauszug ohne Prolog)
Paris: Salabert, 1947 (revidierte Fassung mit Prolog)
Opus: H 99
Zusatzinformationen: Artikel über Jeanne d'Arc bei Wikipedia
Artikel über das Oratorium bei Wikipedia
Libretto

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Jeanne d'Arc au Bucher (in dt.Spr.) (VMS, DDD/LA, 1991)
Arthur Honegger (1892-1955)

Künstler: Altschul, Schröder, Claus, Remmert, Zintl, Hersfelder Festspielchor, RSO Krakau, Heinrich

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Jeanne d'Arc au Bucher (Alpha, 2012)
Arthur Honegger (1892-1955)

Concerti: »Fesselnd entfaltet sich die eigentümlich statische Geschichte um die letzten Stunden der Jeanne d’Arc. Der französische Filmstar Marion Cotillard gibt sie ergreifend, stets nuanciert, manchmal pathetisch, nie sentimental. Bemerkenswert die spürbare Leidenschaft aller Beteiligten vom starken Tenor Yann Beuron bis zum letzten Chorkind sowie die perfekte Ton- und Bildgestaltung.«

Rondo: »Honeggers Musik begleitet besonders die dramatischen Entwicklungen der einzelnen Szenen auf durchaus fesselnde Weise; im sinfonisch besetzten Orchester befinden sich zusätzlich die 1923 entwickelten ›Ondes martenot‹, ein elektronisches Instrument, das schaurige Glissando-Effekte ermöglicht.«

Zum Oratorium:

Art: Dramatisches Oratorium in einem Prolog und elf Szenen
Libretto: Paul Claudel (1868-1955) nach der französischen Geschichte
Sprache: französisch
deutsch von Hans Reinhart
englisch von Dennis Arundell
Ort: Rouen, Frankreich
Zeit: 1431

Personen:

Jeanne d'Arc: französische Nationalheldin (Sprechrolle)
Frère Dominique: Begründer des Dominikanerordens (Sprechrolle)
Das Gericht: das Schwein, zwei Schafe, ein Esel
Die Könige des Kartenspiels: der König von Frankreich, der König von England, der König von Burgund, der Tod
Die Buben des Kartenspiels: der Herzog von Bedford, Johann von Luxemburg, Regnault de Chartres, Guillaume de Flavy
La Vierge: die heilige Jungfrau (Sopran)
Marguerite / St. Margarethe: eine Heilige (Sopran)
Catherine / St. Katharina: eine Heilige (Alt)
Zwei Allegorien: Mühlenwind, Mutter Weinfass
Weitere: ein Herold und weitere

Handlung:

Prolog:

Der Chor erklärt dem Publikum, dass Dunkelheit über dem Land liegt und Gottes Geist über dem Chaos schwebt. Der Schöpfer wird angefleht, Frankreich aus den Zähnen des Wolfes und dem Rachen wilder Löwen zu retten. Ein Sprecher mischt sich ein und erklärt, dass es ein Mädchen namens Johanna gibt. Jungfrau sei sie zudem auch noch. Ist das nicht eine wunderbare Mär?

1. Szene: DIE STIMME DES HIMMELS

Sie ruft: Jeanne, Jeanne, Jeanne, Jeanne.

2. Szene: DAS BUCH

Ein Hund heult durch die Nacht. Johanna, angekettet an einen Pfahl, wartet darauf, was der morgige Tag bringen wird. Sie hat eine himmlische Erscheinung. Ein Mönch in weißer Kutte steigt herab und ist völlig verblüfft, dass das erfreute Mädchen seine Person identifizieren kann. Der Dominikaner hat sich in den Kopf gesetzt, der Gebeutelten Aufklärung zuteil werden zu lassen. Alles, was auf Johanna zukommen wird, ist blanker Unsinn, aber leider nicht abzuwenden. Das dicke Buch, welches Bruder Dominik dabei hat, ist die Prozessakte. Sie wurde von Engeln ins Himmlische übersetzt und er will nun daraus vorlesen. Johanna sieht sich als Schäfchen, welches die Stimme ihres Herrn erkennt.

3. Szene: DIE STIMME DER ERDE

Bruder Dominik liest aus dem Buch vor. Johanna kann es nicht fassen. Sie wird als Ketzerin, Hexe und Abtrünnige, als Gottesfeindin, Königsfeindin und Feindin des Volkes beschimpft. Man will sie bei lebendigem Leib verbrennen. Ja, es ist wahr, die Dirne der Hölle und das Werkzeug des Satans soll im Feuer sterben. Johanna ist die Anklage ein Rätsel, und Bruder Dominik klärt auf, dass sie nicht von Menschen, sondern von Tieren, die sich unter der menschlichen Maske verbergen, verurteilt wird. Einiges wird dem Mädchen nun klar, aber nicht alles.

4. Szene: JEANNE, DEN TIEREN AUSGELIEFERT

Der Prozess wird reflektiert, damit Johanna erkennt, wer sich hinter der menschlichen Larve verbirgt. Es gibt Probleme, denn einige Tiere wollen die Rollen der Prozessführung nicht übernehmen. Der Tiger will nicht Richter sein, der Fuchs nicht und auch die Schlange weigert sich. Das Schwein schlägt sich dann selbst vor und wird freudig akzeptiert. Es lebe das Schwein. Es ist schön wie die Lilie unter den Dornen. Es gibt keinen trefflicheren Richter. Die Nase der Nasen kann Trüffel von Kartoffeln unterscheiden. Es fehlt nun noch der Beisitzer. Bäh, Bäh! Das Schaf kündigt seine Bereitschaft an. Man vermisst noch den Schreiber. Könnte der Esel diese Rolle nicht übernehmen? In Rückblende sieht Johanna sich selbst, wie sie in Fesseln vorgeführt wird.

Dem weisen und hochgelehrten Gericht ist es nach vielen Anstrengungen gelungen, bald durch Milde, bald durch strenge Mittel, durch langmütiges scharfsinniges Verhör moralischer und physischer Natur die Wahrheit zu ergründen und das Bekenntnis eines völlig verwirrten Geistes und grundverdorbenen Herzens zu erzwingen.

Nun soll Johanna noch ein Geständnis ihrer Schuld ablegen, damit das Gericht ruhigen Gewissens das Urteil vollstrecken kann. Straferschwerend kommt noch hinzu, dass sie durch Hexerei die Soldaten zur Flucht verleitet und den militärischen Sieg des Königs über die Engländer vereitelt hat.

Johanna beteuert ihre Unschuld. Das Gericht möchte aber das Gegenteil hören. Der Prozess wird immer absurder und führt zur Verurteilung zum Flammentod.

5. Szene: JEANNE AM PFAHL

Der Hund heult schon wieder, aber Bruder Dominik erklärt, dass sei kein Hund, sondern Yblis, der einsam und verzweifelt in den Tiefen der Hölle jault. Johanna rätselt immer noch, warum alles, was auf der Welt ehrwürdig ist, sie einmütig verdammt. Bruder Dominik möge aus dem Buch weiter vorlesen. Vielleicht kommt die Aufklärung ein paar Seiten weiter. Die hohen Herren, die nassen Mäuse, glauben an den Teufel. Die Engel haben sie im Stich gelassen. Johanna, das unbedeutende arme Hirtenmädchen aus Domrémy, will nun wissen, weshalb man sich ausgerechnet auf sie stürzt. Nun wird die Geschichte ganz verworren, denn ihr Seelentröster berichtet ihr über den Ablauf eines Kartenspiels.

6. Szene: DIE KÖNIGE ODER DIE ERFINDUNG DES KARTENSPIELS

Es gibt vier Könige, die ständig die Plätze wechseln. Der König von Frankreich verkörpert die Torheit, der von England den Hochmut und der Herzog von Burgund den Geiz. Als vierter König mischt der Tod mit. Die Damen haben nur Lust und Liebe im Kopf. Aber das Spiel entscheiden nicht die Könige, sondern die Buben. Es sind: Seine Gnaden, der Herzog von Bedford, seine Hoheit, Johann von Luxemburg, seine Hoheit Regnault von Chartres. Wilhelm von Flavy ist keine Hoheit, aber extrem aktiv.

Es werden drei Partien gespielt. Man sticht, man trumpft. Der Gewinner ist der Geschädigte und der Verlierer bekommt das Geld. Johanna versteht gar nichts mehr, denn Bruder Dominik kann die Logik des Spiels nicht verdeutlichen. Wilhelm von Flavy händigt Jeanne, die Jungfrau, dem Herzog von Bedford aus. Guten Tag, meine Herrn, und auf ein frohes Wiedersehen. Der Chor singt: Sie soll im Feuer sterben.

7. Szene: KATHARINA UND MARGARETHE

Warum tönen Glocken durch die Nacht? Bruder Dominik behauptet, es seien Totenglocken, die alle Frommen auffordern, für Johanna zu beten. Die Erscheinung der heiligen Katharina und der heiligen Margarethe sind eher flüchtiger Natur. Wirksam in das Geschehen eingreifen wollen sie nicht. Katharinas verworrene Gedanken bewegen sich nur um das eigene Wohlbefinden. Der Herr soll kommen, sie aus dem Rachen des Löwen befreien und die Welt durch das Feuer richten. Wenig Trost für Johanna!

8. Szene: DER KÖNIG ZIEHT NACH REIMS

In diesem Kapitel ist nun von Mutter Weinfass und ihrem Mann, dem Mühlenwind, die Rede. Symbolisch stehen sie für Essen und Trinken. Der König, welcher in Reims feierlich Einzug hält, findet kaum Erwähnung. Johanna erinnert sich. Karlchen wollte gar nicht nach Reims kommen, aber sie nahm sein Pferd einfach beim Zügel, und er ließ sich von ihr führen.

Manchmal geht der Humor mit dem Librettisten durch, wenn er rezitiert: „Mühlenwindlein, alter Schlips, nimmer kriegst du mehr den Pips. Mit dem Pips ist's nun vorbei. Mühlenwindlein, alter Junge, weg die Warze auf der Zunge.“

9. Szene: DAS SCHWERT DER JUNGFRAU

Johanna hört die Stimme der heiligen Margarethe, wie diese sich mit dem Gesang der Nachtigall vereint. Zusammen mit ihr will sie dem Bruder Dominik als Fremdenführerin die Schönheiten Lothringens zeigen. Der Dominikaner findet die Idee töricht und äußert sich abfällig. Er wüsste nicht, dass es Dinge gäbe, über die ein kleines Mädchen ihn belehren könnte.

Vom armen Hirtenmädchen aus Domrémy ist nun nicht mehr die Rede. Auf dem Schlachtross ist Johanna gesessen, hat das Banner hochgehalten und mit dem Erzengel Michael an ihrer Seite das Schwert geschwungen. Burgunder und Engländer haben vor ihr die Flucht ergriffen. Johanna bestreitet, die Waffe in einer zerstörten Kapelle gefunden zu haben.

10. Szene: JEANNE

Dieser Vers hat zehn Zeilen und erzählt von dem Körnlein, welches über sein Mehl Bescheid weiß, und ein Ei ist informiert, dass es von einem Huhn gelegt wurde. Eine Träne für Johanna und dazu ein Gebet. Sie weiht ihr Leben der Heiligen Jungfrau.

11. Szene: JEANNE D'ARC IN DEN FLAMMEN

Zwei Chöre philosophieren über das wahre Wesen von Johanna. Ist sie nun dem Himmel oder der Hölle zuzuordnen? Noch hat Johanna sich mit ihrem furchtbaren Schicksal nicht abgefunden. Sie ruft mit lauter Stimme, ob es tatsächlich wahr sei, dass das Volk von Frankreich, ihr Volk, sie bei lebendigem Leib verbrennen will. Sie möchte nicht sterben und hat Furcht. Nun, das Feuer wird selbst entscheiden, was es tun will!

Die Heilige Jungfrau steigt vom Himmel herab und mischt sich persönlich ins Geschehen ein. Johanna soll nicht so zimperlich sein; sie war doch zeitlebens selbst eine Flamme!

Beschreibung:

Die Welt stand in Flammen, als Honegger und Claudel ihr religiöses Drama schufen und zur Aufführung brachten. Das Werk sollte als Aufschrei gegen eine chaotische und ungerechte Welt verstanden werden. Die religiöse Verbrämung täuscht über den Charakter der Satire des Stückes nicht hinweg. Es brandmarkt staatliche Willkür. Die staatliche Gerichtsbarkeit durch ein Schwein, zwei Schafe und einen Esel wahrnehmen zu lassen, war ein Affront gegen den Nationalsozialismus. Die politisch neutrale Schweiz ging das beachtliche Risiko ein, eine szenische Aufführung in Zürich zu gestatten.
Letzte Änderung am 27. Oktober 2006
Beitrag von Engelbert Hellen

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