CD-Tipps zu 'Grigorij Krein (1879-1957)'

Klassika CD-Kaufempfehlung bei jpc
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Sonate für Violine & Klavier op.11 (Genuin, DDD, 2010)

Klassik.com: In schöner Regelmäßigkeit haben die Geigerin Ilona Then-Berg und der Pianist Michael Schäfer mit ihren Duoplatten während der vergangenen Jahre große Würfe abgeliefert: aufregende Veröffentlichungen mit Neuentdeckungen und kaum gespielten Werken. Auch diesmal treffen die beiden Musiker voll ins Schwarze. Ihre neueste, wiederum bei Genuin in der Reihe ‚un!erhört‘ erschienene CD-Produktion widmen sie dem überlieferten Repertoire jener russischen Komponisten jüdischer Herkunft, deren Musik in der Zeit nach der Oktoberrevolution zunächst eine kurze Blüte erlebte, bevor ihre Schöpfer dann später umso stärkeren Repressionen ausgesetzt waren. Die Veröffentlichung ist auf zwei groß dimensionierte und musikalisch faszinierende Sonaten fokussiert, an deren musikalischer Qualität sich die ganze Tragik der Komponistenschicksale verdeutlichen lässt: die 1913 entstandene Violinsonate g-Moll op. 11 von Grigorij Krein (1879-1957) und die um 1960 komponierte Violinsonate op. 46 von Samuil Feinberg (1890-1962). Es ist eine phänomenale, ausdrucksgesättigte Aufnahme, die den Nuancen dieser Musik mit eindrucksvollem Ernst nachspürt und dabei immer wieder zu anrührender Tiefe findet. Die eng miteinander verknüpften Teile von Kreins zweisätziger Sonate op. 11 fesselnd aufgrund der Abfolge von zart gezeichneten, aus vielen instrumentalen Fäden sich zusammensetzenden flächigen Klangwirkungen und der aus diesen hervorgehenden thematischen Stringenz samt damit zusammenhängender Verdichtungsprozesse. Unter den Händen der Interpreten atmet die Musik wie ein lebender Organismus: Die Then-Bergh legt einen ungewöhnlichen Nuancenreichtum an den Tag, verleiht ihrem Part vielfache Abstufungen, die von der Süße einer Melodie in hoher Lage bis zu zerbrechlichen Linien oder wilden, ekstatischen Ausbrüchen führen. Schäfers Spiel wiederum beeindruckt besonders dort, wo die Geigerin plötzlich in den Hintergrund tritt, wo kleine musikalische Bewegungsgesten sich zu einem deklamatorischen Stil fügen, dessen atmosphärische Zeichnung vorübergehend die Richtung bestimmt und dann vom Violinpart übernommen wird. Wie ein Gegenbild zu den bisweilen ausufernden Stimmungsschwüngen von Kreins Werk wirkt Feinbergs ernste, manchmal auch streng anmutende fünfsätzige Sonate op. 46. Hier wird etwa – so in dem an zweiter Stelle platzierten Scherzo-Satz – akzentuiert in stockenden, immer wieder durch innehaltende rhythmische Verläufe geprägten Ausbrüchen der Eindruck von Tragik greifbar gemacht, während das zentrale 'Intermezzo' mit seinen zunächst gedämpften Klangfarben eine unüberhörbare Melancholie verströmt, die in eine als Aufschrei formulierte Violinkadenz mündet. Es macht die hohe Qualität der Einspielung aus, dass man den Interpreten die bisweilen sehr emotionale Ausdeutung der Musik abnimmt, ohne sie als aufgesetzt zu empfinden, denn alle Stimmungen werden überzeugend in die interpretatorische Konzeption eingebunden, so dass keine von ihnen ein Übergewicht erhält. In musikalischer Hinsicht etwas leichtgewichtiger, aber genauso überzeugend in der Wiedergabe sind Kreins 'Poème' op. 25 und die 'Zwei Stücke über jakutische Themen' geraten: Während die beiden von volkstümlicher Musik inspirierten Miniaturen eine besonders im zweiten Stück durch Virtuosität angereicherte Heiterkeit vermitteln, wird das 'Poème' in der Aufnahme zu einer ernst fortgesponnenen Erzählung. Then-Bergh trägt die auf den Melodiebildungen jüdischer Kantillationen basierende Musik im Sinn einer musikalischen Narration vor, voll von Elementen des Fantasierens und Improvisierens, aber immer wieder auf die subtil gefärbte, manchmal in klangvollem Doppelgriffspiel erklingende Gesangslinie zurückkommend. Dabei wird sie von Schäfer mit weich artikulierter oder arpeggierter Akkordik unterstützt, die immer wieder exakt an die Agogik der Geigerin angepasst ist. In spieltechnischer Hinsicht ist das, was hier über die gesamte Spieldauer der CD hinweg geboten wird, einfach großartig. Intensität und Sicherheit des Zusammenspiels beider Musiker zeigen deutlich, dass es sich hier um ein erfahrenes Duo handelt – und das ist viel wert. Die Produktion ist eine absolute Kaufempfehlung – und für mich wieder einmal ein Beleg dafür, dass die wirklichen diskografischen Ereignisse jenseits des Mainstreams zu finden sind und dort oft in den Händen weniger bekannter, dafür aber umso ernsthafterer Interpreten liegt.

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Letzte Änderung am 21. Oktober 2017