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Geschichten zu Gioacchino Rossini (1792-1868)

Besuch bei Beethoven

Der folgende Bericht ist von Edmond Michotte überliefert worden:
Ich stieg die Treppen zu der ärmlichen Wohnung des großen Mannes Beethoven hinauf... Dort fand ich mich auf einer Art Dachboden wieder, der völlig in Unordnung und überaus dreckig war. Besonders erinnere ich mich an die Zimmerdecke. Sie befand sich unmittelbar unter dem Dach und ließ Risse erkennen, durch die sich bei schlechtem Wetter wohl Regen in Strömen hernieder ergoss...
Als wir eintraten, bemerkte er uns nicht, sondern blieb weiter sitzen, über Korrekturen gebeugt, die er zu Ende las. Dann hob er den Kopf und sagte in anständigem Italienisch: "Ah, Rossini, der Komponist von Il Barbiere di Siviglia? Meine Glückwünsche! Das ist eine ausgezeichnete Opera buffa. Ich habe mit großem Vergnügen darin gelesen und alles sehr genossen. Das Werk wird so lange gespielt werden, wie es italienische Oper gibt. Versuchen Sie sich nie an etwas anderem als der Opera buffa!" ...
Der Besuch war nur kurz. Eine Seite des Gesprächs musste auf schriftlichem Wege erledigt werden. Ich drückte ihm meine volle Bewunderung für sein Genie aus. Er antwortete mit einem tiefen Seufzer und mit nur einem Satz: "Oh, un infelice" - ein Unglücklicher! Dann wünschte er mir für "Zelmira" Erfolg, erhob sich und rief uns noch nach: "Vor allem machen Sie noch vieles wie den Barbiere!"...
Als ich die verfallene Treppe hinab stieg, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurück halten...

Über das Komponieren von Ouvertüren

Auf die Frage, wann man am besten eine Ouvertüre zu einer Oper schreibe, antwortete Rossini in einem Brief:
Wartet bis zum Abend der Aufführung! Nichts regt die Eingebung mehr an als Notwendigkeit, die Gegenwart eines Kopisten, der auf Eure Arbeit wartet, und das Drängen eines geängstigten Impressarios, der sich in Büscheln die Haare ausrauft. Zu meiner Zeit hatten in Italien alle Impressarios mit dreißig Jahren eine Glatze.
Das Vorspiel zum "Otello" habe ich in einem kleinen Zimmer des Palastes Barbaja komponiert, wo der kahlköpfigste und wildeste aller Direktoren mich nur mit einer Schüssel Makkaroni und unter der Drohung, mich nicht eher aus dem Zimmer heraus zu lassen, bis ich die letzte Note geschrieben hätte, gewaltsam eingeschlossen hatte.
Das Vorspiel zur "Diebischen Elster" habe ich am Tage der Uraufführung unter dem Dach der Scala geschrieben, wo mich der Direktor gefangen gesetzt hatte. Ich wurde von vier Maschinisten bewacht, die Anweisung hatten, meinen Originaltext Blatt für Blatt den Kopisten aus dem Fenster zuzuwerfen, die ihn unten zur Abschrift erwarteten. Falls das Notenpapier ausbleiben sollte, hatten sie den Befehl, mich selbst aus dem Fenster zu werfen. Beim "Barbier" machte ich es mir einfacher; ich komponierte gar kein Vorspiel, sondern nahm das für die halb ernste Oper "Elisabeth" bestimmte. Das Publikum war höchst zufrieden.
Das Vorspiel zum "Grafen Ory" habe ich beim Fischfang mit den Füßen im Wasser in Gesellschaft des Herrn Aguada geschrieben, während dieser mir einen Vortrag über die spanischen Finanzverhältnisse hielt.
Das Vorspiel zum "Wilhem Tell" wurde unter fast ähnlichen Umständen geschrieben. Und was endlich den "Moses" betrifft, so schrieb ich dazu gar keins...

Rossini und Meyerbeer

Ernst Decsey schreibt:
Gioacchino Rossini und Giacomo Meyerbeer standen äußerlich auf dem besten Fuße, konnten einander aber nicht ausstehen. Zu jeder Rossinischen Oper entsendete Meyerbeer, wie man sich in Paris erzählte, zwei elegant gekleidete Herren, die im ersten Rang die exponiertesten Plätze einnahmen und nach einer Viertelstunde einschlafen mussten. Erst am Schluss durften sie wieder aufwachen, und die Abonnenten kannten die "Sommeilleurs de Meyerbeer" ganz genau.
Eines Tages erhielt nun Meyerbeer ein Billett, worin zwei Karten zu Rossinis Oper "Semiramis" lagen:

"Da ich leider gehört habe, dass es Ihnen in den letzen Tagen nicht nach Wunsch gegangen ist, so bereiten Sie mir die Freude, die Karten zu benützen. Die Loge ist von allen Seiten des Hauses sichtbar. Die Fauteuils sind bequem. Kurz vor Schluss der Vorstellung werde ich Sie wecken lassen.

   In wahrer Bewunderung
   Ihr
   G. Rossini"
Letzte Änderung am 18.7.2008