Rodion Konstantinowitsch Schtschedrin (geb. 1932)

Mjortwye duschi [Мёртвые души]

(Tote Seelen)

Allgemeine Angaben zur Oper:

Titel russisch: Mjortwye duschi [Мёртвые души]
Titel deutsch: Tote Seelen
Titel englisch: Dead Souls
Titel französisch: Les Âmes mortes
Entstehungszeit: 1966-77
Uraufführung: 7. Juni 1977 in Moskau
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 130 Minuten
Erstdruck: Hamburg: Sikorski
Bemerkung: Der Dichter wollte ursprünglich seinen Roman zu einer Trilogie ausweiten, ist aber an seinem Talent verzweifelt. Den zweiten Teil hat er vernichtet und den dritten nicht in Angriff genommen, weil er darüber verstorben ist. Das Thema hat Gogol im Grunde auch ausgeschöpft. Sein Stil ist originell und witzig und „den Leuten aufs Maul geschaut.“ Schtschedrin setzt den Inhalt in eine zeitgemäße Tonsprache musikalisch geschickt um.

Kaufempfehlung:

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[Details]
Tote Seelen (Melodiya, ADD, 1977)
Rodion Schtschedrin

Künstler: Alexander Voroshilo, Vladislav Piavko, Larisa Avdeyeva, Boris Morozov, Bolshoi Theatre Orchestra, Yuri Temirkanov

Zur Oper:

Art: Opernszenen in drei Akten (19 Bilder) nach dem gleichnamigen Romanfragment von Nikolai Gogol
Libretto: Rodion Schtschedrin
Sprache: russisch
deutsch von Sigrid Neef
Ort: Russland
Zeit: 1820

Personen:

Pawel Iwanowitsch Tschitschikow: Hochstapler (Bariton)
Nosdrjow: Gutsbesitzer (Tenor)
Korobotschka: Gutsbesitzer (Mezzosopran)
Sobakewitsch: Gutsbesitzer (Bass)
Manilow: Gutsbesitzer (Tenor)
Selifan: Tschitschikows Kutscher (Tenor)
Mischujew: Nosdrjows Schwager (Bass)
Anna Grigorijewna: eine in jeder Hinsicht reizende Dame (Sopran)
Sofia Iwanowna: eine ganz einfach reizende Dame (Mezzosopran)
Petruschka: Tschitschikows Diener (stumme Rolle)
Weitere: Staatsanwalt, Polizeihauptmann, Postmeister, Kammerpräsident (Bariton, Bass, Tenor, Tenor)
Mutter, Vater, Großvater Manilows (Sopran, Tenor, Bass)
Porträts an den Wänden, Gutsbesitzer, Beamte, Ballgäste, Dienerschaft, Gesinde, Kutscher, Bauern, Leibeigene, Volk, Polizei

Handlung:

Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ist ein liebenswerter Hochstapler von schäbiger Eleganz, der mit Kutsche und Diener unterwegs ist, um seine ominösen Geschäfte abzuwickeln. Sein Ziel ist es, an „tote Seelen“ zu gelangen, um diese gewinnbringend zu verhökern. Damit sind Leibeigene gemeint, die gestorben sind, aber in den Listen der Behörden noch geführt werden. Die Beamten haben überhaupt keine Eile, die Namen zu löschen, da von den Gutsherren noch Steuern abkassiert werden können. Andererseits besteht nach Ansicht von Herrn Gogol aber auch die Chance, Leibeigene an den russischen Staat zu verpfänden, wenn die Schuldenfalle einmal zuschnappen sollte.

Diese Möglichkeit schöpft Herr Tschitschikow aus, um an bescheidenen Reichtum zu gelangen. Er kauft Besitzurkunden billig auf, um damit Wucher zu treiben. In den Besitzern weckt unser geschäftstüchtiger Ganove das Begehren, seine toten Bauern loszuschlagen, anstatt den Ballast zu horten und immer noch Steuern zu bezahlen, nur weil die Herren Beamten mit der Revision der Bestände nicht nachkommen. Das russische Reich ist groß und die Staatsdiener sind nicht sonderlich bemüht. Deshalb kommt Herr Tschitschikow zu ihnen und die Behörde erspart sich den Umstand, selbst nach dem Rechten zu sehen.

Der liebenswürdige und emsige Herr wird von seinen Klienten misstrauisch beäugt, denn sein Anliegen, „Tote Seelen“ zu erstehen, um damit Geschäfte zu machen, klingt schon seltsam und stößt zunächst auf Ablehnung. Schön aufpassen, heißt es, damit man am Schluss nicht noch selbst der Betrogene ist.

Tschitschikow kommt mit vielen wunderlichen Leuten zusammen und tut ihnen schön, damit sie auf seinen Wunsch eingehen. Einige sind auch rabiat und dann muss der Schelm sehen, wie er sich aus der Klemme zieht. Den großen Auftritt beherrscht er, und das spornt ihn an.

Funktioniert die Idee überhaupt? Ein Weilchen geht es gut! Der Libretto-Analyse möge der Hörer bitte entnehmen, was alles passiert und mit welchen Spezies unser Held sich abmühen muss:

1. Einleitung

Ein Gesang wie aus der Tiefe der russischen Volksseele, ein Lied von dem, was nicht mehr ist, vom weißen Schnee, der schmilzt und vergeht.

2. Mittagessen beim Staatsanwalt

Die großen Gedanken vom Tod und Vergehen werden mit den kleinen Eitelkeiten der Kleinstadt-Honorationen konfrontiert. Ein Herr Tschitschikow aus der Hauptstadt wird als Gast begrüßt und bewirtet.
Er sagt jedem etwas Angenehmes, lobt Stadt und Leute, ja sogar die in Wahrheit miserablen Straßen. Er wird dafür gefeiert und mit Speisen und Getränken überhäuft.

3. Der Weg

Der Kutscher Selifan fährt seinen Herrn Tschitschikow durch die Weiten Russlands. Bauern stehen am Wegesrand und weisen ihm den Weg. Der Herr in der Kutsche aber verschläft Land und Leute.

4. Manilow

Für den Gutsbesitzer Manilow und seine Frau ist die Welt wunderbar und jeder Mensch ein Ehrenmann. Selbst wenn er erwiesenermaßen der größte Schurke ist. Tschitschikow stimmt ihnen in allem zu und gibt vor, für wohltätige Zwecke und zum Studium der Wissenschaften unterwegs zu sein. Manilow phantasiert sich daraufhin einen idealen Tschitschikow zusammen, möchte ihm sein halbes Gut schenken, nur um an dessen Verdiensten teilzuhaben. Tschitschikow kommt auf den Grund seines Besuches zu sprechen: Er möchte tote Seelen kaufen, das heißt verstorbene Leibeigene. Das irritiert die Eheleute sehr, doch der Hinweis auf die Rechtlichkeit solcher Geschäfte beruhigt sie. Der Handel ist perfekt. Die Manilows träumen davon, Tschitschikow ein Haus zu bauen und mit ihm gemeinsam die Zeit zu verbringen. Von solcher Freundschaft würde auch der Zar erfahren. Nur die Ahnen Manilows - sie hängen als Portraits an den Wänden - schütteln die Köpfe und wundern sich über den seltsamen Handel.

5. Schieben

Diese russische Landstraße hat mehr Schlaglöcher als Weg. Selifan und Tschitschikow sind zum nächsten Gutsbesitzer unterwegs. Ein Unwetter bricht herein. Sie kommen vom Weg ab.

6. Korobotschka

In einem Winkel des großen russischen Reichs sitzt die Witwe und reiche Gutsbesitzerin Korobotschka und klagt immerfort über schlechte Zeiten, schlechte Leute, schlechte Ernten. Sie rafft alles zusammen und nimmt alles auf wie eine Schachtel. Bei ihr hat Tschitschikow vor dem Unwetter Zuflucht gefunden. Korobotschka und Tschitschikow feilschen um den Preis toter Seelen. Die raffgierige Schachtel dreht dem Seelenkäufer schließlich Hanf an, den er eigentlich gar nicht braucht. Dann macht sie sich auf, um sich in der Stadt nach dem Preis toter Seelen zu erkundigen.

7. Lieder

Die vorgetäuschte Not der wohlhabenden Korobotschka wird mit einer Klage über den Zustand der Welt konfrontiert.

8. Nosdrjow

Gutsbesitzer Nosdrjow saugt sich an Tschitschikow fest wie ein Schwamm. Seine Gedanken springen wie Ziegenböcke auf der Weide hin und her. Seine Launen wechseln wie das Aprilwetter. Tschitschikow muss mit ihm Dame spielen. Nosdrjows Schwager Mischujew redet immerzu davon, nach Hause zu seiner Frau zu fahren. Er bleibt aber sitzen und schwatzt vor sich hin. Nosdrjow feilscht um den Preis toter Seelen und betrügt Tschitschikow im Spiel. Dieser bricht das Spiel ab und will sich davonmachen. Nosdrjow will ihn zum Weiterspielen zwingen, wird handgreiflich und befiehlt seine Diener herbei. Auch Tschitschikow ruft seine Leute zur Hilfe. Ein Polizeihauptmann schlichtet den Streit und verhaftet Nosdrjow wegen einer früheren Prügelei.

9. Sobakewitsch

Für den Gutsbesitzer Sobakewitsch ist die ganze Welt schlecht und jeder Mensch ist ein Gauner. Ein hartes Feilschen um den Preis toter Seelen beginnt. Sobakewitsch attackiert Tschitschikow. Seine toten Leibeigenen seien die beste Ware und daher verlangt er auch einen hohen Preis.

10. Kutscher Selifan

Der Kutscher Selifan hält Zwiesprache mit seinen Pferden. Es gibt Fragen und Antworten von einem Bauern am Wegesrand, und wieder erklingt aus der Tiefe ein wehmutsvoller Gesang.

11. Pljuschkin

Auf der Suche nach dem Gutsbesitzer trifft Tschitschikow auf ein verhutzeltes Wesen und hält es für ein altes Mütterchen. Doch es ist der Gutsherr selbst. Die Familie Pljuschkins ist geflüchtet, Freunde hat er keine mehr. Das Gut verkommt, die Leute hungern. Pljuschkin aber hütet jeden Fetzen, bewahrt jeden Nagel auf, dass nichts benutzt und von seinem Platz verrückt wird. Überall liegt wertloser Kram wie staubiger Plüsch herum. Tschitschikow kauft die an der Pest gestorbenen toten Bauern Pljuschkins auf und wird für diese die restlichen Steuern zahlen. Der Geizhals freut sich und schenkt Tschitschikow sogar eine Uhr. Doch sie ist schon längst kaputt.

12. Klage der Soldatenmutter

Pljuschkins engstirniges Denken wird von der Klage einer Frau unterbrochen, die ihren Sohn im Krieg verloren hat.

13. Ball beim Gouverneur

Tschitschikows Käufe werden erörtert. Offiziell handelt er mit lebenden Seelen. Tschitschikow wird als Millionär gefeiert. Er sonnt sich im Glanz seines Ruhms. Die Damen umschmeicheln den reichen Mann. Sogar die Tochter des Gouverneurs ist beeindruckt und Tschitschikow hofiert sie. Doch Nosdrjow macht das wohlgehütete Geheimnis schließlich publik: In Wirklichkeit handelt Tschitschikow mit toten Seelen. Der Skandal ist perfekt.

14. Gesang

Noch immer klingt das Lied von dem, was nicht mehr ist, vom weißen Schnee, der schmilzt und vergeht. Es weint und klagt die Seele des russischen Volkes.

15. Tschitschikow

Der Geschäftstüchtige ist plötzlich ohne Geschäfte und verflucht den Erfinder von vergnüglichen Festen, denn ohne Ball wäre es auch zu keinem Skandal gekommen. So seine Logik.

16. Zwei Damen

Zwei Damen der Gesellschaft erörtern Moden und den Zustand der Welt im Allgemeinen sowie Tschitschikows Fall im Besonderen. Sie kommen zu dem Schluss, Tschitschikow habe eigentlich gar keine toten Seelen gekauft, sondern die Gouverneurstochter entführen wollen.

17. Gerüchte in der Stadt

Die beiden Damen verkünden ihre Theorie einer Entführung. Korobotschka verteufelt Tschitschikow und alle fragen sich, was das Ganze eigentlich zu bedeuten hat. Die Katastrophe ist perfekt. Tschitschikow ist geächtet und wird von niemandem mehr empfangen. Man erklärt ihn zum Spion. Agenten und Geldfälscher vermuten in ihm den aufrührerischen Hauptmann Kopeikin, ja sogar Napoleon. Der Verdacht, Tschitschikow könne ein Revisor sein, bringt den Staatsanwalt um.

18. Totenmesse für den Staatsanwalt

Die Bitte um Ruhe und Frieden gilt für Gerechte und Ungerechte.

19. Szene und Finale

Von allen Vorkommnissen in der Stadt erfährt der von jedermann gemiedene Tschitschikow erst durch Nosdrjow. Tschitschikow flieht. Wieder fährt seine Kutsche durchs russische Land. Bauern am Wegesrand überlegen, wie weit der Wagen wohl noch rollen wird.

Letzte Änderung am 29. Januar 2017
Beitrag von Engelbert Hellen

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