Jules Massenet (1842-1912)

Thaïs

Allgemeine Angaben zur Oper:

Titel: Thaïs
Entstehungszeit: 1893-94, rev. 1898
Uraufführung: 16. März 1894 in Paris (Opéra)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Erstdruck: Paris: Heugel, 1894
Verlag: Paris: Heugel, 1922

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[Details]
Thais (Dynamic, 2002)
Jules Massenet (1842-1912)

Künstler: Mei, Pertusi, Joyner, Buffle, Mechain, Fel, La Fenice Orchestra, Viotti (137 Min.)

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Zur Oper:

Art: Oper in drei Akten und sieben Bildern
Libretto: Louis Gallet nach dem gleichnamigen Roman von Anatole Franc
Sprache: französisch
Ort: die Wüste Thebaïs an den Ufern des Nils und die Stadt Alexandria
Zeit: 4. Jahrhundert

Personen:

Thaïs: eine Kurtisane
Athanael: ein Mönch
Nicias: ein junger Philosoph
Charmeuse: eine Entertainerin
Palémon: Abt der Zönobitengemeinde
Albine: Äbtissin der weißen Schwestern
Grobyle: Sklavin im Haus des Nicias
Myrtale: Sklavin im Haus des Nicias

Handlung:

1. Akt: Erstes Bild: DIE THEBAÏS

Zönobiten sind Mönche, die im Gegensatz zu den Anachoreten in Gemeinschaft unter der Führung eines Abtes leben, um in der Einsamkeit nach den wahren religiösen Werten des Urchristentums zu suchen. In ein paar Hütten an den Ufern des Nils findet sich eine solche Gemeinschaft zusammen. Ihr Abt ist Palémon, der dem Himmel dankt, dass er seine Gnade über ihn ausgießt wie den Tau auf seinen Garten. Die Mönche, welche aus Brot, Wasser, Salz und Honig das Abendessen zusammenstellen, fordert er auf, den Himmel um die Wahrung des Frieden zu bitten. Die schwarzen Dämonen des Abgrunds sollen weichen, und der Herr soll vor allem seinen starken Arm über ihren Bruder Athanael halten. Schon seit langem hat er sich von ihnen getrennt. Wann wird er wiederkommen? Schon bald wird es sein, denn Palémon hat geträumt, dass er seine Schritte in die richtige Richtung beschleunigt, und schon ist der Erwartete zur Stelle. Müde von der Reise - seine Stirn ist mit Staub bedeckt - möge er sich auf seinen angestammten Platz setzen, sich ausruhen und dann erzählen.

Der Angereiste ist tief bekümmert, und sein Herz ist voller Bitterkeit, denn die Bosheit in der Welt hat wieder einmal zugenommen, und die Stadt Alexandria ist der Sünde verfallen. Die Wurzel allen Übels ist eine Frau. Sie heißt Thaïs und verleitet die Menschen zu Liebeslust und Laster. Wer diese Thaïs sei, wollen die Brüder wissen. Sie ist eine schändliche Priesterin des Venuskultes. Aus Kindestagen ist sie ihm bekannt. Zu seiner Schande muss er gestehen, dass er einst an ihrer verfluchten Türschwelle gestanden sei, doch die Gnade des Himmels habe ihn davor bewahrt, diese auch zu überschreiten. Um seine Ruhe zu finden, hat er seine Schritte in die dürre Wüste gelenkt. Doch nun empfindet er Bedauern mit ihr und möchte ihre Seele für Gott gewinnen. Die Sünde und Schande - der Berg wird täglich höher - und das Böse, das sie tut, verschaffen seiner Seele Unbehagen. Palémon rät dem Sohn, sich niemals auf weltliche Dinge einzulassen, weil man eine Gefahr für den Geist nicht ausschließen kann. Die Nacht bricht herein, fromme Gebete werden gesprochen, um geheime Ängste zu unterdrücken. Der Herr soll schwarzen Dämonen des Abgrunds fern halten – eventuell gehört Thaïs dazu - Wasser und Brot sowie die Früchte des Gartens segnen und einen traumlosen Schlaf bescheren.

Athanael hat seine Schlafmatte vor seiner Hütte ausgebreitet und legt den Kopf auf einen Holzklotz. In dieser unbequemen Lage wird aus einem traumlosen Schlaf nichts. In Nebel gehüllt erlebt er als Vision das Innere des Theaters von Alexandria. Massen von Zuschauern bevölkern die Ränge. Auf der Bühne parodiert Thaïs so gut wie unbekleidet die Liebesabenteuer der Aphrodite und erhält rasenden Beifall. Laut brüllt die Menge ihren Namen, bis der Mönch erwacht.

Schrecken, Wut und Entsetzen verstören den Zönobiten, und er glaubt, in dem Traum eine Botschaft und eine Weisung zu erkennen. Sofort will er nach Alexandria reisen und die gefährdete Frau aus den Fängen des Fleisches befreien. Auch wenn ihre Schuld noch so groß ist, er wird sie retten. Der Himmel soll sie ihm zur Verfügung stellen, damit er sie für ein gottgefälliges Leben trimmen und geeignet für das Ewige Leben zurückgeben kann. Die Brüder ruft er zusammen, sie sollen aufstehen und zuhören, dass ihm seine Mission enthüllt worden sei. Zur verfluchten Stadt muss er zurückkehren. Gott hat Thaïs verboten, tiefer in den Höllenschlund einzudringen und ihn auserwählt, ihr Gefährte auf dem Rückmarsch zu sein. Palémon lässt ihn traurig ziehen und bittet ihn, sich ständig weiser Grundsätze zu erinnern. Noch aus der Ferne hört man des Fanatischen Stimme, dass der Geist des Lichtes und der Gnade ihn stark wie einen Erzengel machen soll. Die Mitbrüder beten ebenfalls, den in heiligem Zorn Entflammten gegen den Zauber des Dämons zu feien.

Zweites Bild: ALEXANDRIA

Nicias, Philosoph und Lebenskünstler, besitzt eine wunderschöne Villa in Alexandria, die sich hoch über dem Meer erhebt. Athanael möchte seinen alten Freund besuchen. In seiner zerschlissenen Kleidung will der Diener ihn mit dem Stock davonjagen, entschließt sich dann aber doch, ihn zumindest zu melden. Der Ankömmling betrachtet die schöne Stadt aus der Höhe und findet sie schrecklich. Es ist die gleißende Stadt, in der er in Sünde geboren wurde und in der er den entsetzlichen Duft des Luxus wahrnehmen musste. Sie wirkt auf ihn wie ein sinnliches Meer, wo er die Sirene mit den goldenen Augen singen hörte. Die Wiege seines Körpers ist Alexandria, seine Vaterstadt. Seine Liebe hat er abgewendet und er hasst sie wegen ihres Reichtums, ihres Schönheit und wegen des Wissens, welches sie in sich darin birgt. Er flucht der Stadt, weil sie ein Tempel ist, der von unreinen Geistern heimgesucht wird. Die Engel des Himmels sollen mit dem Schlagen ihrer Flügel die verdorbenen Luft, die ihn umgibt, mit Wohlgeruch erfüllen.

Crobyle und Myrtale sind zwei fröhliche Mädchen, mit denen Nicias gern herumalbert. Zufällig kommt er mit ihnen auf die Terrasse und bemerkt Athanael. Er erkennt seinen ehemaligen Mitschüler sofort, kann es aber nicht unterlassen, ihm zu sagen, dass er äußerlich eher einem Tier als einem Menschen gleicht. Er umarmt ihn trotzdem und heißt ihn in seinem Haus herzlich willkommen. Athanael hat der Wüste nicht endgültig den Rücken gekehrt und will höchstens eine Stunde bleiben. Ob Nicias die Kurtisane Thaïs kenne? Und ob er sie kennt! Sie gehört zu ihm. Um ihre Gunst zu gewinnen, hat er seine Mühle und seine Weinberge verkauft. Gedichte hat er auch für sie geschrieben. Doch festhalten konnte er sie nicht, ihre Liebe ist flüchtig wie ein Traum. Was will der Wüstenmensch von ihr? Athanael antwortet treuherzig, dass er sie zu Gott zurückführen will. Nicias lacht und meint, ob er nicht die Rache der beleidigten Göttin Venus fürchte, deren Priesterin Thaïs ist. Athanael ist von der Kunst seiner Rede überzeugt. Er wird Thaïs aus dem Pfuhl zerren und Jesus zur Braut übereignen. In ein Kloster wird er sie stecken, noch heute wird sie ihm folgen.

Gut, er soll sein Glück versuchen, er wolle sich ohnehin heute Abend stilvoll von ihr verabschieden und hat sie zum Abendessen eingeladen. Nach der Vorstellung im Theater wird sie kommen. Im Schafspelz kann der Wolf seine Beute besser greifen, deshalb bittet er den Freund um ein angemessenes Gewand, damit er die Abendgesellschaft nicht verstöre. Grobyle und Myrtale sollen sich beeilen, den guten Athanael zu schmücken, für die Mädchen ist es ein Spaß, dem Wüstensohn den Bart einzuölen. Nicias möchte ihn glänzen sehen, so wie er ihn von früher kennt, bevor sein Spleen ihn in die Wüste zu den Zönobiten führte. Aus der Hölle borgt Athanael sich die Mittel, um das verlorene Kind dem Laster zu entreißen. Die Mädchen geben ein Gutachten über das neue Erscheinungsbild des optisch Umgewandelten: Jung und schön ist er, der Bart zwar etwas rau, dafür die Augen feurig. Das Stirnband steht ihm gut. Ringe und Armreifen muss er noch anlegen. Er soll das Büßerhemd ausziehen, damit sie ihm das Kleid anziehen können. Er wehrt sich, von ihnen gebadet zu werden. Die Mädchen lachen ihn aus und Nicias bittet, ihnen ihren Spott nicht übel zu nehmen. Hat er verlernt mit Mädchen umzugehen? Jetzt bekommt er noch goldene Sandalen an die Füße gesteckt. Nun sieht er so gut aus, dass selbst Daphne sich ihm nicht verweigern würde. Die beiden Mädchen sind ganz wild nach ihm und reiben ihm noch Duft auf die Wangen. Mit den Gedanken ist Athanael weit weg, der Geist des Lichtes soll ihn rüsten für den Kampf mit dem Satan.

Er soll sich nun hüten, seine Feindin sei im Anmarsch! Nicias kündet die Ankunft des ersehnten Gastes an und kann seine Liebe und seine Traurigkeit, weil sie ihn verlassen wird, nicht verbergen. Eine Woche sind sie zusammen gewesen und haben sich geliebt. So beständig ist Thaïs nur selten und er beklagt sich nicht. Diese Nacht wollen sie noch glücklich verbringen und morgen wird sie nur noch ein Name sein. Thaïs gewahrt den Fremden, der seinen wilden Blick auf sie heftet und den sie bisher noch nie bei ihren Festen gesehen hat. Nicias stellt Athanael als Philosoph mit rauem Gemüt dar, ein Einsiedler aus der Wüste. Thaïs soll ich in Acht nehmen, er habe es auf sie abgesehen. Ist er für die Liebe zu gebrauchen? Menschliche Schwäche kann sein Herz nicht erweichen. Er will die „Rose von Alexandria“ zu seiner Lehre bekennen. Wie sieht die Lehre aus? Er predigt die Verachtung des Fleisches, die Liebe zum Schmerz und strenge Buße. Thaïs glaubt ausschließlich an die Liebe, und keine andere Macht der Welt könne Gewalt über sie bekommen. Mit geheimer Wut hat Athanael zugehört und mahnt, Gott nicht zu lästern. Nun startet Thaïs einen Bekehrungsversuch. Wer hat ihn so streng gemacht? Und warum verleugnet er die Glut seiner Augen? Welch trauriger Wahn lässt ihn sein Schicksal verfehlen? Bestimmt ist er für die Liebe! Welchem Irrtum unterliegt er. Am Kelch des Lebens hat er nicht genippt und die Weisheit der Liebe nicht erkannt. Er soll sich zu ihr setzen. Wahrheit sei nur in der Liebe zu finden, er soll Venus nicht länger trotzen. Alle laden ihn ein, sich mit Rosen zu bekränzen und der Liebe zuzusprechen. Athanael kündet, dass er den falschen Rausch hasse und zum Palast der Sünderin gehen wird, um ihr das Heil zubringen. Er ist sich sicher, die Hölle besiegen zu können. Als Thaïs auf allgemeinen Wunsch die Szene der Venus im Theater nachspielen will, begibt sich der Asket mit einer Geste des Abscheus auf die Flucht.
2. Akt: Drittes Bild: BEI THAÏS

Am Eingang steht eine Statue der Venus mit einem Räuchergefäß. Thaïs ist endlich allein und befindet sich in depressiver Stimmung. Plötzlich sind alle Männer brutal und gleichgültig, die Frauen bösartig und die dahingleitenden Stunden wirken auf sie drückend. Ihre Seele ist leer und sie weiß nicht, wo sie Ruhe finden und wie sie das Glück festhalten soll.

Sie hat die Vorstellung, dass ihr treuer Spiegel sie beruhige und singt ihre große Arie: „Dis-moi que je suis belle“ („Sag’ mir, dass ich schön bin“) Schön bleiben wird sie für immer, nichts wird ihre rosigen Lippen beflecken und nichts das reine Gold ihrer Haare trüben. Immer wieder fordert sie den Spiegel auf, ihr zu sagen, was sie gerne hören möchte. Doch dann soll die unbarmherzige Stimme des Spiegels plötzlich schweigen, weil er die Information abgibt, dass Thaïs altern und eines Tages nicht mehr Thaïs sein wird. Nun soll Venus, die zwar unsichtbar aber doch anwesend ist, ihre unvergängliche Schönheit bestätigen, doch diese lässt sich vergeblich bitten.

Athaniel ist im Begriff, ihr Haus zu betreten. Voller Unsicherheit fleht er zum Himmel, dass ihr strahlendes Gesicht ihm nichts anhaben soll und dass die Kraft ihres Zaubers nicht über seinen Willen triumphieren wird. Thaïs geht ziemlich barsch mit dem Zönobiten um: Er solle mit seinem Vortrag loslegen. Man habe ihm gesagt, dass keine Frau ihr gleiche und deswegen wollte er sie näher kennen lernen und darum habe er bei ihrem Anblick begriffen, wie rühmlich es für ihn wäre, sie zu besiegen. Der Hochmütige soll sich in Acht nehmen! Er liebe sie, aber völlig anders, als sie sich das vorstelle, nämlich geistig und wahrhaftig. Er hat mehr zu bieten als den Rausch und die Träume einer kurzen Nacht. Die Glückseligkeit, die er heute bringt, wird niemals enden! Dann soll er ihr doch diese herrliche Liebe erst einmal zeigen. Für sie hat die Liebe nur eine Sprache, nämlich Küsse. Thaïs soll nicht spotten. Die Liebe, die er predigt ist eine unbekannte Liebe. Thaïs zweifelt und sagt ihm, dass er ziemlich spät komme, denn sie kenne jeden Rausch. Die Liebe, die sie kennt, gebiert nur Schande, aber die Liebe, die er bringt ist die einzig ruhmvolle. Es sei ziemlich kühn von ihm, seine Gastgeberin zu beleidigen. Sie zu kränken hat er nicht im Sinn. Er will sie für die Wahrheit gewinnen. Leidenschaftliche Reden wird er der Kurtisane halten, damit von seinem Atem ihr Herz wie Wachs schmilzt. Seine Worte werden sich in einen Jordan verwandeln und die überbordenden Fluten ihre Seele auf das ewige Leben vorbereiten. Auf das ewige Leben? Gut, sie möchte die versprochene Erfahrung machen und Thaïs will sich seiner Kur unterziehen. Zur Bekräftigung legt sie mit einem Spatel noch ein paar Weihrauchkörner nach, damit es im Raum schön duftet. Geheimnisvoller Rauch steigt auf und gibt ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit der Venusstatue. Sie murmelt einige Beschwörungen, was den Bekehrer völlig verwirrt. Voller Ängstlichkeit fleht er zum Herrn, dass er ihn stärken möge. Er befürchtet, dass die Kraft ihres Zaubers über seinen Willen triumphieren könnte. Thaïs, gelassen und verzückt, ruft die Liebesgöttin an: Venus, unsichtbar und doch anwesend, Venus, der Glanz des Himmels und die Wonne des Schattens, Venus soll herabsteigen und herrschen. Glanz, Süße und wonnige Lust soll sie mitbringen!

Athanael bekommt Angstzustände und bittet den Herrn, Erbarmen mit ihm zu haben. Verzweifelt zerreißt er das Gewand, welches sein Freund Nicias ihm geschenkt hat, damit das Büßerhemd ihn als Mann der Askese ausweist und ihn an seine Mission erinnert. Er bündelt seinen Fanatismus und wechselt den Tonfall. Er ist Nathanael, kommt aus der heiligen Wüste und verflucht das Fleisch; er steht vor ihr wie vor einem Grabmal und er sagt ihr, dass sie sich erheben soll.

Die neue Masche zieht. Sie wirft sich ihm zu Füßen. Er soll ihr nicht weh tun. Sie hat sich ihr Schicksal genauso wenig wie ihr Wesen ausgesucht. Sie trägt keine Schuld daran, dass sie schön ist. Er soll sie nicht sterben lassen, sie fürchtet den Tod so sehr. Hat sie ihn missverstanden? Er hat ihr doch ewiges Leben versprochen. Für immer wird sie die Geliebte und die Braut Christi sein, dessen Feindin sie war. Auf Fleisch muss sie allerdings verzichten. Thaïs spürt einen frischen Hauch, der ihre Seele entzückt. Sie erschaudert und ist verzaubert. Welche Macht hat er?

In der Ferne hört man die Stimme des Nicias. Er kann sich von seiner Abgöttin nicht trennen. Ein letztes Mal will er sie sehen. Liebe will er von ihren blühenden Lippen saugen. Sie fordert Athanael auf, dem Jüngling zu sagen, dass sie alle Reichen und Glücklichen verabscheut und er sie vergessen soll. Athanael wird die Nacht nicht im Haus verbringen, sondern vor dem Haus bis zum Morgengrauen warten, dass Thaïs mit ihm kommen wird. Thaïs ist leer und ausgebrannt. Nicht länger will sie eine Hetäre sein, aber für neues Gedankengut ist ihr Kopf noch nicht bereit. Thaïs fühlt, dass sie vor einer Wende steht. Hilflos bricht sie in Tränen und in ein schrilles Lachen aus.

MÉDITATION RELIGIEUSE

nennt sich das orchestrale Zwischenspiel, in dem Jules Massenet das aufgebrachte Gemüt der verzweifelten Thaïs und des Opernbesuchers beruhigt. Die Wonnen ewiger Seligkeit werden durch die Solovioline in erstaunlicher Weise kompetent simuliert.

Viertes Bild: VOR THAÏS' HAUS

Am folgenden Morgen findet Thaïs ihren Bekehrer vor dem Haus schlafend vor und weckt ihn. Seine Worte sind in ihrem Herzen wie ein göttlicher Balsam verblieben. In der Nacht hat sie gebetet und geweint. Ein großes Licht ist in ihr aufgegangen, und sie hat die Nichtigkeit aller Lust gesehen. Die Schwester soll Mut fassen, der Beginn des ewigen Friedens fängt schon an.

Nicht weit von hier gibt es Frauen, die auserwählt und in engelgleicher Andacht arm und bescheiden leben, damit Jesus sie liebt und sich mit ihnen vermählen wird. Es ist die ehrwürdige Mutter Albine, die das Kloster leitet. Der Heiligen will er Thaïs anvertrauen. Er wird mitkommen und sie in eine Zelle einsperren. Dort soll sie auf den Tag warten bis Jesus kommt und sie erlösen wird. Sie soll nicht zweifeln und ihm folgen. Ein Erdbeben wird ihre Seele erschüttern. Wenn er kommt und den Finger des Lichts auf ihre Augen legt, beginnen die Tränen zu trocknen.

Aber bevor sie mitkommt, soll sie alles vernichten, was zur unreinen Thaïs gehört, den Palast, die Möbel und alles was ihre Schande verkündet. Alles muss verbrannt und vernichtet werden. Die kleine Eros-Statue möchte Thaïs gern behalten. Sie ist aus Elfenbein, ein Geschenk von Nicias und verkündet die Liebe. Der kleine Eros verbietet, dass eine Frau sich hingibt, der nicht in seinem Namen kommt. Man könnte das Figürchen doch vielleicht irgendwo im Kloster aufstellen. Athanael bekommt einen Wutanfall, nimmt die Statue und zerschmettert sie auf dem Pflaster. Mit dem Fuß tritt er die Scherben weg. Alles, was an die Vergangenheit erinnert, soll zu Staub werden und dem ewigen Vergessen anheimfallen. Thaïs hält den Kopf gesenkt und zittert, seine Worte widerholend. Sie gehen ins Haus.

Für Nicias gibt es einen Grund zum Feiern, denn er hat im Spiel das dreißigfache der Summe zurückgewonnen, die er für die Gunst von Thaïs ausgegeben hat. Trotzdem hat es ihn wieder in ihre Nähe gezogen. Übertrieben ausgelassen und ein wenig betrunken hat er asiatische Tänzerinnen, Schlangenbeschwörer und Gaukler engagiert, um draußen ein Straßenfest zu feiern. Es werden Fackeln angezündet und Lärm gemacht. Nur das Leben ist die Wahrheit und der Wahnsinn das einzig Vernünftige. Gemäß den Gepflogenheiten der Pariser Oper hat Jules Massenet ein Ballett komponiert, welches die Stimmung hebt und einer „Charmeuse“ Gelegenheit bietet, zum Tanz auch vokal zu brillieren. Crobyle soll ihre Lyra nehmen und Myrtale die Kithara, um das Loblied ihrer Schönheit zu singen. Die Charmeuse sei schöner als die Königin von Saba, und die Einwürfe ihrer Stimme kommen wie Feuerpfeile aus dem Schatten ihrer Schleier. Hinreißend und zärtlich sei sie und sie besitze einen gefährlichen Zauber.

Athanael kommt aus dem Haus mit einer brennenden Fackel in der Hand. Nicias ist freudig überrascht, ihn zu sehen. Hat Thaïs ihn doch besiegt? Von den Mädchen wird er ausgelacht. Irrtum, Thaïs ist jetzt die Braut Gottes und gehört nicht mehr zu ihnen. Er nimmt Thaïs, die nur mit einer Tunika aus grobem Leinen bekleidet ist, bei der Hand. Nicias kann es kaum glauben, dass die beiden die Stadt verlassen wollen und versucht es zu verhindern. Er nimmt Thaïs am Arm, doch Athanael schubst ihn zur Seite. Er soll nicht wagen, sie zu berühren, denn ist geheiligt und steht auf Gottes Seite. Die Menge nimmt eine drohende Haltung ein. Der Unbekannte soll in die Wüste zurückkehren. Die Dienerschaft fürchtet um ihren Arbeitsplatz. Nun bemerkt die Menge, dass der Palast in Brand gesetzt wurde. Nicias bittet Thaïs inständig, dass sie nicht fortgehen soll. Die Menge beginnt, mit Steinen zu werfen. Athanael und Thaïs sind in ihrem Wahn bereit, den Märtyrertod zu sterben. Nicias lenkt die Menge ab, um Thaïs zu schützen. Er wirft aus seinem Beutel Gold in die Menge, damit sie beschäftigt ist, es einzusammeln. Thaïs und Nicias sagen sich Lebewohl für immer. Vergebens wird sie versuchen, ihn zu vergessen. Die Erinnerung an sie wird der Duft seiner Seele sein. Athanael und Thaïs fliehen. Der Palast stürzt in sich zusammen und die Musik imitiert das Knistern der Flammen.
3. Akt: Fünftes Bild: DIE OASE

Athanael und Thaïs befinden sich auf dem Anmarsch zum Kloster der Albine, welches am Horizont deutlich zu erkennen ist. Von der Hitze der Mittagssonne überwältigt, möchte Thaïs in der kleinen Oase ein wenig rasten. Nein, der Körper muss gebrochen und das Fleisch vernichtet werden. Die Ermattete entschließt sich, ihre Qualen dem Erlöser zu weihen. Ihr vollkommener Körper, den sie dem elenden Nicias hingab, wird nun neu geformt, damit daraus ein Tabernakel wird. Der Asket bemerkt Blutstropfen an ihren weißen Füßen und plötzlich wandelt sich sein Gemüt. Er sieht ein, dass er den Bogen überspannt hat. Plötzlich ist sie nicht mehr die verworfene Hetäre, sondern die hochheilige Thaïs. Er nimmt ihre Füße und beginnt, die Blutströme mit den Lippen abzuschlecken. Seine Rede ist plötzlich sanft wie die Morgenröte und Thaïs weiß nicht, wie sie den Sinneswandel einordnen soll. Er holt Früchte herbei und steigt zum Brunnen hinab, um Trinkwasser zu schöpfen. In der Ferne zeigt er ihr das Kloster von Albine, wohin ihre Schritte sie führen werden. Soviel Güte hat sie in der rauen Schale nicht vermutet. Das Fleisch blutet, aber die Seele ist voller Freude. Ein leichter Wind kühlt ihre Stirn. Sanfter als eine Honigwabe wirken seine Gedanken in ihr. Gott hat ihr Leben ihm anvertraut und ihren Geist von der Erde gelöst. Dieser schwebt bereits in der Unermesslichkeit des Universums. Der hochverehrte Vater, gemeint ist Athanael, sei gesegnet. Gegenseitig bieten sie sich zu essen und zu trinken an und es entsteht der Eindruck einer Harmonie, die in ein Liebesduett auszuarten droht und dem Opernbesucher verdächtig vorkommt.

Von den Insassen des Klosters sind die Ankömmlinge bereits bemerkt worden. Lateinische Gesänge ertönen und die „weißen Mädchen“ nahen und bringen als zusätzliche Erquickung Schwarzbrot zum Nachtisch. Der Friede des Herrn sei mit der heiligen Albine. Athanael kommt und bringt ihr für ihren göttlichen Bienenstock eine Biene. Durch die Gnade von oben hat er die Verlorene eines Tages gefunden, wie sie auf blumenlosen Weg wandelte und die Schwache in seine hohle Hand genommen. Durch seinen Atem gewärmt, übergibt er sie nun der heiligen Albine zu treuen Händen. Nun wird er wieder gehen, denn sein Werk sei vollendet. Thaïs soll artig in ihrer Zelle weilen und Buße tun. Wenn sich zwischendurch ein wenig Muße ergibt, soll sie für ihn beten. Sie küsst noch einmal seine hilfreichen Hände und weint, weil er sie nun verlassen wird. Wie ihn die traurigen Worte und die lieblichen Tränen der glückseligen Sünderin, die er für die ewige Liebe gerettet hat, rühren! Wie zart ihr Gesicht ist und welcher Freudenstrahl ihren Augen entströmt. Im himmlischen Jerusalem werden sie sich wiedersehen. Die Äbtissin und die „weißen Mädchen“ entfernen sich mit Thaïs.

Athanael schaut ihnen auf seinen Wanderstab gestützt verstört nach. In seinem Bewusstsein dämmert vage, wie töricht er sich verhalten hat. Alles hätte er gewinnen können und alles hat er verloren.

Sechstes Bild: DIE THEBAÏS

Die Zönobitengemeinde an den Ufern des Nils erwartet einen Orkan. Ahnungsvoll betrachten sie den Himmel. Die Schwüle bedrückt Mensch und Tier. In der Ferne hört man den Schrei des Schakals. Mit Donner und Blitz werden die Naturgewalten ihre Kräfte entfesseln. Die Mönche sind besorgt, dass der Sturm die gesammelten Früchte und Körner zerstreuen könnte.

Athanael ist nun seit zwanzig Tagen fort. Wahrscheinlich hat er in dieser Zeit weder gegessen noch getrunken. Der Triumph, den er über die Hölle errungen hat, wird seine Kräfte völlig aufgezehrt haben. Wild aussehend, mit starrem Blick, steht er plötzlich unter ihnen. Er wirkt wie an Leib und Seele gebrochen und schreitet durch sie hindurch, als sähe er die Brüder gar nicht. Man will sein Schweigen achten und warten, bis er von allein beginnt, zu erzählen. Die Verwirrung seiner Seele muss der Niedergedrückte dem Abt beichten. Der Sieg, den er über die Hölle errungen hat, ist nicht perfekt. Ein böser Dämon ist in ihn gefahren und geißelt nun sein Fleisch. Als Vision sieht er nur noch Thaïs. In ihr vereinigt, findet er die Schönheit und Sinnlichkeit von Helena, Phryne, Venus und Astarte zugleich. Vor Scham vernichtet stürzt er Palémon zu Füßen. Doch der Abt legt die Hände auf seinen Kopf und tadelt behutsam. Hatte er ihm nicht gesagt, dass Mönche sich niemals in weltliche Dinge einlassen sollen? Die Gefahren des Geistes soll man fürchten. Warum hat er die Gemeinde verlassen?

Athanael legt sich an der gleichen Stelle nieder wie damals, bevor er nach Alexandria aufbrach. Wieder hat er eine Vision. Er träumt von Thaïs, der verführerischen Hetäre, welche die Worte von einst wiederholt: Warum ist er so streng und verleugnet die Glut seiner Augen? Für die Liebe ist er bestimmt! Welchem Irrtum unterliegt er? Sein Fleisch brennt. Nicht länger will er Venus trotzen. Er hört Thaïs' gellendes Lachen und dann löst sich die Vision auf. Doch sein Unterbewusstsein kommt nicht zur Ruhe. Er sieht die „weißen Mädchen“ in Albines Garten. Sie singen, dass eine Heilige die Erde verlassen wird. Thaïs wird sterben. Der Text wiederholt sich immer wieder. Mit einem Aufschrei erwacht er. Einmal will er sie noch sehen! Der völlig Verwirrte taumelt in die Nacht hinaus.

Siebtes Bild: DER GARTEN VON MUTTER ALBINES KLOSTER

Unbeweglich liegt Thaïs im Schatten eines Feigenbaumes. Albine und ihre Gefährtinnen sind bei ihr. Die „weißen Mädchen“ haben ihre Gesänge der Situation angepasst. Mutter Albine schätzt die Zeit des Ablebens der Schutzbefohlenen, spätestens am Abend wird das Leichentuch das reine Gesicht bedecken. Drei Monate hat sie gewacht, gebetet und geweint. Die Buße hat ihren Körper zerstört, aber ihre Sünden sind ihr vergeben. Athanael steht plötzlich am Gartentürchen und begehrt Einlass. Mutter Albine nähert sich vorsichtig und fragt ihn, ob er gekommen sei, die Heilige, die er ihnen gebracht hat, zu segnen. Pietätvoll bilden die „weißen Mädchen“ eine Linie, um die Sterbende zu verdecken. Thaïs tat, was ihr reiner Geist ihr gebot, so wird sie nun das ewige Licht sehen. Mit der Beherrschung von Athanael ist es vorbei. Von Schmerz übermannt sinkt er zu Boden. Dann robbt er auf Knien zu Thaïs heran und nimmt sie in seine Arme. Sie öffnet noch einmal die Augen und erinnert sich an die schönen Stunden in der Oase. Er gedenkt ihrer irdischen Schönheit, die seinen augenblicklichen brennenden Durst löschen soll. Er gesteht, dass er log, als er die Worte über die einzig wahre Liebe gesprochen hat. Das einzig Wahre sei das Leben und die Liebe der Menschen zueinander. Mit seinem Liebesgeständnis kann sie nichts mehr anfangen, denn sie ist dabei, ihre Nahtoderfahrungen zu machen. Der Himmel öffnet sich und die Heiligen und Propheten haben sich zu ihrem Empfang versammelt. Die Erzengel haben ihre bunten Flügel in Ruhestellung gebracht und erwarten die Scheidende. Minderjährige Himmelsboten kommen im kurzen Hemdchen angeflattert und halten Blumen in den Händen. Der süße Tröster wird die Finger des Lichts auf ihre Lider legen, um die Tränen für immer zu trocknen.

Nein, Thaïs soll nicht sterben. Der Reformer meldet Besitzansprüche an, will sie mit sich nehmen, und dann wird gelebt. Doch Thaïs hat dem Irdischen bereits entsagt. Die Töne der goldenen Harfe entzücken und süße Düfte umhüllen sie. Eine köstliche Seligkeit hat sie erfasst, und alle Schmerzen sind betäubt. In den Armen Athanaels gibt sie den Geist auf.
Letzte Änderung am 14. Juli 2007
Veröffentlichung mit Zustimmung von musirony

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