Giacomo Meyerbeer (1791-1864)

L'Africaine

(Die Afrikanerin)

Allgemeine Angaben zur Oper:

Titel: L'Africaine
Titel deutsch: Die Afrikanerin
Titel englisch: The African Woman
Entstehungszeit: 1843-1864
Uraufführung: 28. April 1865 in Paris (Grand Opéra)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Erstdruck: Paris: Brandus & Dufour, ca. 1865
Verlag: Berlin: Bote & Bock, 1990

Kaufempfehlung:

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[Details]
L'Africana (in dt.Spr.) (Line, AAD/m, 1952)
Giacomo Meyerbeer (1791-1864)

Künstler: Joesten, Bensing, Kronenberg, Moll, Bindhardt, Prybit, RO Frankfurt, Schmitz

weitere ...

Zur Oper:

Art: Oper in fünf Akten
Libretto: Eugène Scribe nach Charlotte Birch-Pfeiffer (1800-1868)
Sprache: französisch

Personen:

Sélica: Königin einer ostafrikanischen Insel (Sopran)
Vasco da Gama: wagemutiger portugiesischer Entdecker (Tenor)
Inès: Tochter des Admirals in Lissabon (Sopran)
Nelusco: handlungsaktiver Vertrauter Sélicas (Bariton)
Dom Pedro: Staatsratpräsident von Portugal (Bass)
Dom Diégo: Admiral und erzwungener Ehemann der Inès (Bass)
Der Großinquisitor: höchster geistlicher Würdenträger (Bass)
Dom Alvar: Mitglied des Staatsrates und Begleiter der Expedition (Tenor)
Anna: Inès' Vertraute (Mezzosopran)
Weitere: der Hohepriester des Brahma und weitere

Handlung:

1. Akt: Aufgeregt erzählt Inès ihrer Vertrauten Anna, dass man sie in der Versammlung des Staatsrates zu sehen wünscht. Sie ist die Tochter des Admirals und Vater habe ihr Wichtiges anzukündigen. Kam etwa Nachricht von der Flotte, die seit langem erwartet wird? Der Geliebte dient auf dem Schiff als Offizier, und nun wartet sie schon zwei Jahren auf ihren Vasco. Wenn er tot ist, möchte sie auch nicht mehr leben. Unter dem Oberbefehl des großen Diaz war das Schiff auf Entdeckungsfahrt gegangen. In fremden Gewässern sollte es Sturm und Wellengang trotzen, um an fernen Gestaden nach Schätzen und Edelmetall Ausschau zu halten, Dinge die der König zur Auffüllung der Staatskasse gut gebrauchen kann. Bei erfolgreicher Ausbeute ist die Heirat mit dem Geliebten vom Vater als Belohnung in Aussicht gestellt worden. Sie fühlt in ihrem Herzen, dass er zurückkommen wird. Das Lied, welches Vasco zum Abschied sang, geht ihr nicht aus dem Sinn. Es hieß „Adieu mon doux rivage... – Lebwohl mein freundliches Gestade, wo ich die Teure fand, den Stern auf meinem Pfade. Leb' wohl mein Heimatland! Die Lüfte weh'n so linde, als sei's der Trennung Kuss; zur Liebsten sehr geschwinde bring ihr den Abschiedsgruß! Der Jugend Gefühle, im Herzen so reich, voll Hoffnung ihr Ziele, ich sterbe mit euch!“

Dom Diego rückt sogleich mit der Sprache heraus. In seiner allerhöchsten Gnade hat der König von Portugal einen anderen Gatten für Inès erwählt. Es ist Dom Pedro! Oh, niemals! Weiß der Vater nicht, dass ihr Herz schon gebunden ist? Natürlich, aber der König will davon nichts wissen. Sie soll den jungen Mann vergessen, der ohne Rang und Ruhm wahrscheinlich schon ein Wellengrab gefunden hat. Mit dem Gedanken will Inès sich nicht anfreunden. Er hat einen hohen edlen Geist und seine Zukunftschancen sind beträchtlich. Der Vater wendet sich an Dom Pedro und fragt ihn, ob das Schiff des großen Diaz tatsächlich untergegangen sei. Am frühen Morgen habe er die traurige Kunde erhalten. Ja, entsetzlich die Nachricht, der Sturm hat sich die Schaluppe gegriffen und an einer einsamen Felsenklippe ist sie zerschellt. Für die Besatzung fürchtet man das Schlimmste. Ist der Offizier Vasco da Gama nicht mehr am Leben? Wer fragt schon nach völlig unwichtigen Leuten? Man kann auf der Liste der Verschollenen nachsehen. Tatsächlich, Vasco befindet sich unter den Toten. Ein Schmerzenschrei tönt aus dem Mund des Mädchens und alle horchen erschrocken auf. Der Vater flüstert ihr zu, dass Inès an ihre Pflicht und seine Ziele denken soll. Schmerz und Gefühle soll sie verbergen, klug sein und schweigen. Dom Pedro ist schon misstrauisch geworden. Was hat dem armen Kind so den Sinn verwirrt? Der Vater klärt auf. Eine stille Liebe hatte die Bedauernswerte gehegt. Jetzt ist der Nebenbuhler tot und man braucht keine Gedanken mehr an ihn zu verschwenden. Der Hohe Rat tritt ein und die Sitzung beginnt mit frommem Gebet.

Der Vorsitzende des Staatsrates weist darauf hin, dass Christoph Columbus einst dem rivalisierenden Spanien eine Welt entdeckt hat und Güter ohne Zahl die Schatzkammern des Königs füllten. Mit kühnem Sinn ist nun Portugal am Zuge, es dem mutigen Nachbarn gleichzutun, damit der edle Manuel, ihr König und Herr, sich nicht zurückgesetzt fühlt. Auch ihm sei ewiger Ruhm gesichert. Abenteuerkühn sieht der Portugiese einen anderen Seeweg dem Weltreich offen und wo Gefahr ist, blüht auch das Hoffen. Schon aus Prinzip ist der Großinquisitor gegenteiliger Ansicht, und die Bischöfe nicken zustimmend mit den Köpfen. Ja, man glaubte, die Klippen am südlichsten Punkt umschiffen zu können, aber das Geschwader des großen Diaz ward von den Wellen verschlungen. „Ward verschlungen“ wiederholen die Bischöfe die Worte des obersten Vertreters der Christenheit des Landes. Wenn man fromm die Pfade des Herrn geht, können solche Missgeschicke nicht passieren. Man sollte den Himmel um Erleuchtung anflehen und einen neuen Versuch starten, meinen die Königstreuen. Dom Alvar ist der Wortführer der Mutigen und verkündet, dass durch Gottes Gnaden zumindest ein Mensch der Katastrophe am Kap entronnen sei. Der Glückliche bittet um die Gunst, vor dem Rat erscheinen zu dürfen. Todesmutig hat er mit Sturm und Wogen um sein Leben gekämpft - sein Name ist Vasco da Gama.

Vasco wird durch die Wachen der Admiralität hereingeführt, verneigt sich ehrfurchtsvoll vor den Versammelten und küsst protokollgemäß den Ringfinger des Großinquisitors. Noch im Bann des schicksalhaften Ereignisses tritt er in die Mitte und schildert, wie der Abgrund die Gefährten verschlungen hat. Vollen Mutes und bebend vor Zorn konnten sie gegen die Naturgewalten nichts ausrichten und sanken ins Wellengrab. Ihr letzter Blick fiel auf das furchtbare Kap. Von Wind umtost reicht sein Haupt bis in den Himmel und sein Fuß steht in der Hölle. Doch er selbst war geistesgegenwärtig und flinker als alle anderen. Als einziger erklomm sein Fuß den Felsen, auf dem noch nie ein Europäer gestanden ist. Er hielt sich mit den Händen daran fest, bis der Sturm vorüber war. Hinter dem steilen Felsen sah er endlose Wüsten. Hat er sie verflucht? Nein, im Gegenteil, den Reichtum findet man wahrscheinlich erst, wenn man ein wenig weiter läuft. Vasco hat ein schriftliches Bittgesuch abgefasst, man solle ihm Schiffe und Mannschaft bewilligen, damit er noch einmal in eigener Verantwortung hinfahren kann, um Reichtümer zu holen. Wie viel wird er davon für sich behalten wollen, fragt der Großinquisitor eilfertig. Nur den Ruhm der Unsterblichkeit beansprucht er für sich, nach Reichtum steht ihm nicht der Sinn. Sein Blut und sein Leben gibt er für den König und das Vaterland. Wahnsinn ist sein kühnes Streben. Würde man ihm die Mittel geben, verfiele das Vaterland dem Spott. Den Vertretern der Kirche bietet Dom Alvar Paroli. Vascos hoher Geist hat in seiner Brust ein Echo gefunden. Was Vasco verlangt, möge man ihm geben. Zur Ehre gereiche es dem Vaterland.

Vasco hatte sich in Afrika noch ein bisschen umgesehen und – wie er verlautbart - auf dem Markt zwei Sklaven eingekauft. Prächtig eingekleidet, hat er sie als Beweismaterial mitgebracht. An ihrer bronzefarbenen Haut und ihrem üppigem Schmuck mögen die Anwesenden erkennen, dass es sich lohnt, dort unten Handel zu treiben. Dieser Logik kann der Rat sich nicht verschließen. Da die Fremdlinge keine Schlitzaugen haben, muss es sich um eine bis dahin unbekannte Völkerschaft handeln. Sprachprobleme gibt es nicht, denn die beiden sprechen überraschenderweise etwas portugiesisch. Ebenfalls schiffbrüchig und einige Zeit zuvor von einem anderen europäischen Schiff aus dem salzigen Wasser gezogen, wurden sie auf dem Sklavenmarkt verkauft. Ansonsten geben sich beide stolz und zurückhaltend - eine Abschottung gegen unerwünschte Neugier und Aufdringlichkeit. Doch Vasco spricht der Dunkelhäutigen gütig zu, sie soll es für ihn tun und Auskunft über ihre Herkunft geben. Sélica findet seine Stimme sanft und ihr Herz raunt ihr zu, seine Bitte zu erfüllen. Doch Nelusco erinnert seine Begleiterin flüsternd an ihr fürstlich Geblüt, sie solle Stolz bewahren und mit Auskünften zurückhaltend sein. Jetzt wird Pedro ernstlich böse. Er will den Namen ihrer Heimat wissen und wenn das Weib nicht gutwillig mit der Nachricht herausrückt, kann er sie auch zum Sprechen zwingen. Du lieber Himmel, ist Dom Pedro töricht! Sélica bescheidet ihn, dass die Kenntnisse einer Sklavin in Geographie bescheiden sind und sie nicht beschreiben kann, welchen Weg das Schiff genommen hat. Auch Nelusco meint, wenn man einen Ochsen kauft, genüge es, ihn als Zugtier seine Arbeit verrichten zu lassen, es erübrige sich, den Ort seiner Herkunft zu ermitteln. Waren die beiden Ausländer am Kap heimisch oder kommen sie aus Zonen, von denen Portugal noch nie etwas gehört hat? Der Rat möge Vasco Mittel für die Ausrüstung von Schiffen bewilligen. Die beiden Exoten nimmt er wieder mit und er lässt sich zeigen, wo Schätze an Edelmetall und Mineralien zu holen sind. Gut, man will sich beraten, er möge sich mit den Fremdlingen entfernen.

Der Großinquisitor stützt sich in seiner Argumentation auf den Zorn des Himmels und seine Macht. Der Kirchenmann kann sich im Rat gegen die junge Generation wortgewandt durchsetzen. Das Bittgesuch wird mit Stimmenmehrheit wegen mangelnder Erfolgsaussichten abschlägig beschieden. Vasco ist grenzenlos enttäuscht, hitzblütig wie er ist wird er sogar beleidigend und stellt Autorität und Kompetenz des Großinquisitors infrage. Der Verwegene soll schweigen, seinen Trotz wird der Allmächtige schon beugen, wenn er sein Ansehen nicht achten will. Der beleidigte Großinquisitor spricht den Bannfluch über Vasco da Gama aus, was diesem das Ende seiner Ambitionen klarmacht.
2. Akt: Die Gefängnisleitung der Inquisition in Lissabon hat in einem Anfall von Großzügigkeit den drei neuen Insassen eine Gemeinschaftsunterkunft zur Verfügung gestellt. Ein angenehmes Zusammenleben der drei fördert es nicht, denn die beiden dunkelhäutigen Gefangenen werden vom Stachel der Eifersucht geplagt. Vasco hat zu seiner Bequemlichkeit sogar einen Sessel bekommen, in dem er eingeschlafen ist. Er träumt von Inès, seiner einzig Geliebten und gibt im Halbschlaf seine Empfindungen zu Protokoll. O welche Qual! Was muss Sélica hören? Er liebt eine andere, und sie wird in seinen Träumen nicht einmal in Betracht gezogen. Damit der Spuk aufhört, fächelt sie ihn mit ihrem Fächer Kühlung zu und singt die berühmte Schlummerarie „Sur mes genoux, fils du soleil“. Sie fühlt sich mit Vasco in die Heimat versetzt. Dem tapferen Sohn der Sonne, vom Lotoskranz des Sieges umlaubt, winkt des Schlummers Wonne. Der Bengal erwacht und singt sein Lied der Nacht: „Weh, das arme Herz es bricht! Der Schmerz darf ihren Zustand nicht verraten. Die Flamme Brahmas soll sie retten, bevor sie vor Liebesqual vergeht.“ Vasco wird unruhig. Er träumt jetzt vom Sturm. Schnell ein weiteres Schlummerlied!

Sélica hat sich entfernt. Nelusco steht hinter einem Pfeiler und hat einen Dolch in der erhobenen Hand. Wo hat er die Waffe her und wen will er mit dem Dolch bedrohen? Natürlich den Rivalen! Sélica tritt im letzten Moment dazwischen. Will er den Menschen, der so gut und edel ist, etwa umbringen? Nelusco gibt vor, alle Christen zu hassen und den Rivalen ganz besonders. Er sieht in ihr die Königin und bekräftigt seine Ergebenheit in der Arie „Fille des rois, à toi l'hommage...“ Die Stirn, der einst das Diadem zu eigen, sollte sich nur vor Brahma neigen. Nelusco erliegt einem neuen Hassanfall auf Vasco, Sélica rüttelt den Geliebten wach, damit er zu seinem Schutz etwas unternehmen kann.

Vasco wartet darauf, dass man ihn endlich aus dem Gefängnis entlässt, damit er einen Sponsor für seine Entdeckungsreise suchen und Inès wiedersehen kann. Am Tragpfeiler in der Mitte hängt eine Landkarte. Sélica zeigt ihm, wo es lang geht und welche Meereszonen er absolut vermeiden sollte. Hoffnung will er sich malen und Ruhm sieht er erstrahlen. O himmlische Lust. Er nimmt Sélica in den Arm und drückt sie an seine Brust.

Die Kerkertür hatte sich unbemerkt geöffnet und Inès steht mit Gefolge im Raum. Darf Vasco seinen Augen trauen, Inès die Heißgeliebte? Sélica folgt ihren Instinkten, die so dunkel sind wie ihre Haut, und stürzt sich auf die Rivalen. Vasco bremst die Unbesonnene, bevor die feine Garderobe der angebeteten Admiralstochter leidet. Das Herz von Inès ist schwer. Man hat ihr gesagt, dass der Frevler sein Leben im Kerker beendet werde. Doch die Aufopferungswillige hat Gnade erwirkt und bringt ihm die Entlassungsurkunde, von Dom Pedro unterzeichnet und durch das königliche Siegel bestätigt. Als Gegenleistung hat sie den Ungeliebten zu heiraten. Sie soll doch nicht fortgehen, nur weil eine schwarze Sklavin ihren Unmut erregt hat. Er will ihr die Person zur freien Verfügung schenken. Dazu soll Inès sein Herz und sein Blut nehmen und alles was er besitzt, wenn nur ihr Auge ihm in Liebe erstrahlt. Für Sélica bricht eine Welt zusammen.

Zwei musikalisch und dichterisch groß angelegte Ensembleszenen bilden das Finale des zweiten Aktes. Jede der handelnden Personen gibt ihren Empfindungen in Tönen und Klangfarben Ausdruck. Inès stellt fest, das er sie in ewiger Treue liebt, und der Schmerz lässt ihre Brust erbeben. Sie fühlt sich elend, weil sie ihren Treueschwur brechen musste. Die Freiheit, die sie ihm gab, führt ihn nun zu Ruhm und Ehren. Sollte er glücklich wiederkehren, schreitet sie zu ihrem Grab. Umsäuseln ihn dann linde Lüfte, dann weht durch die Blumendüfte ihr treuer Gruß zu ihm herab. Vasco klagt: Sie vernichtete sein Leben und brach das Wort, das sie gegeben. Dem Verhassten schwor sie Treue, eines Tages kommt die Reue. Fern von ihr, o welche Qual, Tränen rinnen ohne Zahl. Dom Pedro äußert sich zufrieden: Ha, der Schmerz macht ihn - auf da Gama weisend - erbeben und der Gram zerstört sein Leben. Am Altar schwor sie ihm Treue, ob sie nun den Schritt bereue, ob er wüte und auch dräue. Sie gehöre ihm für immer und der Rivale bekommt sie nimmer. Sélica gibt nicht auf. Nun vernichtet ist ihr Leben, Schmach hat er ihr zwar gegeben, die ihn liebte ewiglich. Doch zu spät kommt seine Reue, einem anderen schwor Inès Treue, ihre Hoffnung keimt aufs Neue. Nelusco weiß sich vor Schadenfreude nicht zu lassen. Ha! Den Christen sieht er beben. Rache hat ihm Gott gegeben. Oh, das Glück winkt ihm aufs Neue, denn Vasco baut auf seine Treue.
3. Akt: Man befindet sich auf hoher See. Der Segler sieht nicht besonders seetüchtig aus, die Drechselarbeiten des Steuerrades und der Balustrade, die das Oberdeck trennt, wirken dagegen sehr geschmackvoll. Wird das Schiff den Stürmen des wilden Ozeans standhalten? Erklärend sei eingefügt, dass die Situation völlig anders gelaufen ist als Vasco sich das vorgestellt hatte. Die Seereise wurde vom König bewilligt, aber die Lorbeeren holt sich Dom Pedro. Nelusco bedient das Steuerrad, Sélica vertieft unter Anleitung von Inès ihre portugiesischen Sprachkenntnisse. Vasco, so vermutet man, sitzt ohne seine beiden Damen in Lissabon und ärgert sich ein Magengeschwür an. Zur Unterhaltung der Mannschaft und der Gäste hat Dom Pedro einen Frauchenchor angeheuert, der die Ozeankreuzfahrt als Vergnügen der ungewöhnlichen Art betrachtet. Mit zarter Lyrik dürfen die Damen den dritten Akt eröffnen: „Der Morgen kommt heraufgezogen, die frische Luft stärkt uns den Sinn. Es spielen unter uns die Wogen. So gleitet sanft das Schiff dahin“. Die verschlafenen Matrosen, durch die Schiffsglocke geweckt, möchten den Damen musikalisch nicht nachstehen und begrüßen den jungen Morgen ebenfalls: „Morgenrot so helle spiegelt auf der Welle. Der Tag kommt herauf. Auf, auf! Mit Arbeit beginne der tägliche Lauf“. Danach kommt die Frömmigkeit zu ihrem Recht, im Libretto als Gebetsszene bezeichnet „Sankt Dominik dort oben, den alle Frommen loben, sorgt auch heute für das Glück und führt lebend uns zurück.“ Auch Dom Pedro ist in aufgeräumter Stimmung: „Tag und Nacht muss sich alles rühren, dass die Zeit nicht umsonst verrinnt. Ihm ward Befehl, das Schiff zu führen, nicht scheut er Wetter, Sturm, noch Wind.“

Gefahren sucht Dom Alvar an entferntem Strande und er verließ schönen Besitz im Vaterlande. Dom Pedro will der Warnung nicht glauben, dass Nelusco ein Verräter sei. Zwei Begleitschiffe sind bereits gesunken, so dass Misstrauen angezeigt wäre, doch Dom Pedro ist sich sicher, dass dem Kapitänsschiff das Unglück fernbleibt. Bald wird man das Schreckenskap umrundet haben und der Ruhm des Pioniers gesichert sein. Sieht Alvar nicht, wie das Glück ihm zulächelt? Der Mann im Ausguck hat ein Schiff mit weißen Segeln ausgemacht, welches vor ihnen her zieht. Allgemein ist man der Ansicht, dass man dem Kielwasser folgen sollte, doch Nelusco gibt gegenteiligen Befehl. Der Wind habe sich gedreht und es gelte, einem Zyklon auszuweichen, andernfalls drohe der Untergang. Dom Pedro soll seinem Talent furchtlos vertrauen, doch den Marineiros kommen Bedenken. Von Rachegelüsten überwältigt, hat Nelusco die Legende vom grausen Riesen Adamastor angestimmt. Die wissbegierigen Matrosen möchten die ganze Ballade hören, und mit kräftigem wilden Ausdruck hebt Nelucso an und prophezeit, was den Ungläubigen blühen wird, wenn der Meeresgott, der in diesen Breiten nicht Neptun oder Poseidon sondern Adamastor heißt, ungehalten ist. „Adamastor, roi des vagues profondes... -Adamastor, König der Wellen! Hört sein Pfeifen und sein Gellen. Er schreitet im Feuer der Blitze einher. Seht ihn euch an, den Riesen im Meer. Er hebt die Wogen und stürzt sie herab. Sünder du stirbst! Kein Mensch kennt dein Grab“. Das Lied hat mehrere Strophen, die vom Chor wiederholt werden, der die Ballade überraschenderweise auch kennt.

Das Schiff, welches ihnen vorauseilte, führt die portugiesische Flagge, hat seine Fahrt verlangsamt und lässt ein Leichtboot ins Wasser gleiten. Es ist Vasco da Gama, der nachgeeilt ist, um den Kapitän vor der Tücke des Steuermanns zu warnen. Vasco war schon einmal in der Gegend, kennt sich aus und hat die Schiffskarte genau studiert. Von Dom Alvar, freundlich begrüßt, wundert sich dieser, wie er zur gleichen Zeit in diesen fernen Breiten ihnen den Weg abschneiden konnte. Gibt es einen bestimmten Grund, der ihn hierher führte? Er ist gekommen, um das Gebot Gottes zu vollziehen, der ihn und sein Fahrzeug schützte. Dom Pedro argwöhnt, dass der Rivale ihm den Ruhm stehlen und außerdem nach Inès schauen will.

Nein, einzig und allein zu seinem Schutz sei er nachgereist. Der Verblendete weiß nicht, was ihm bevorsteht. Das schwarze Ungeheuer wird das Schiff auf die Klippen steuern, an denen es zerschellt. Krieger in wilder Bemalung mit kannibalischen Gelüsten werden auftauchen und alle massakrieren. Aus Pflichtgefühl, um zu retten, kam Vasco her, denn die Söhne des gleichen Vaterlandes sollten in der Ferne zusammenstehen. Vasco hat zu deftig aufgetragen, so dass er seinen Argwohn auf Don Pedro nicht übertragen kann. Stolz entgegnet ihm dieser, dass seine Hilfe nicht benötigt wird, auf seinem Schiff gelte sein Gebot, und Trotz bestraft der Tod. Der Streit eskaliert, Vasco hat hitzblütig sein Schwert gezogen und Pedro droht mit den Gesetzen. Er gibt seiner Mannschaft einen Wink und Vasco wird an den Mast gebunden. Inès und Sélica betteln und jammern um Schonung des geliebten Menschen, doch Pedro bleibt konsequent. Nach den Seegesetzen ist gegen die Handlungsweise des Kapitäns nichts auszusetzen, doch praktisch wird er den kürzeren ziehen.

In diesem Moment bricht ein furchtbarer Sturm los. Nelusco lässt das Schiff durch ein brutales Manöver mit dem Steuerrad auf Grund laufen. Gesinnungsgenossen Neluscos, die in der Nacht wie aus dem Nichts auftauchen, stürmen das Wrack. Die Frauen werden eingesammelt und die Männer niedergemacht. Auch Dom Pedro muss sein hoffnungsvolles junges Leben lassen, weil er für den vierten Akt nicht mehr benötigt wird. Milde, Gnade, Frieden sei den Heiden nicht gewährt, auf dem Pfad der Rache waltet nur das Schwert. Brahma! Brahma!
4. Akt: Dem Publikum stellt sich nun heraus, dass Vasco vor dem Staatsrat in Lissabon geschwindelt hat. Die beiden Dunkelhäutigen hat er nicht auf dem Sklavenmarkt gekauft, sondern Sélica ist Königin einer ostafrikanischen Insel, die von indischen Kultureinflüssen geprägt ist. Möglicherweise handelt es sich um Mauritius oder Réunion. Vermutlich kannte Vasco die Königin schon länger, und sie und ihr Begleiter waren mitkommen, um als Touristen Lissabon kennen zu lernen. Der Seefahrer hat die beiden lediglich benutzt, um sich den Staatsrat wohlgefällig zu formen, damit ausreichend Schiffe für seine aufwändigen Entdeckungsreisen bewilligt werden.

Nach der langen Abwesenheit gibt es zu Ehren der Heimkehrer einen zünftigen Aufmarsch der Insulaner. Eine Götterstatue, in ihrer Monumentalität schrecklich schön anzuschauen, schmückt den Tempel und bildet einen spektakulären Hintergrund für das Ballett. Nelusco hat die Funktion eines Leibwächters im Rang eines Ministers, denn er beschließt in Kooperation mit dem glatzköpfigen Priester, dass die gefangenen Frauen der Barbaren ihr Leben aushauchen sollen. Unter den Zweigen eines Manzanillo-Baumes, in dessen Laubwerk sich der Todesodem regt, sollen sie verweilen, bis sie umkippen. Eine umständliche und langwierige Prozedur, denn der Duft ist relativ substanzlos. Nur der Kontakt mit dem milchigen Saft von Blättern und Blüten des Wolfsmilchgewächses kann krebserregend wirken und verursacht bei Kontakt intensiven Hautausschlag. Praktischer wäre es gewesen, den Damen die grünen Äpfel als Nachtisch zu servieren, denn diese sind tatsächlich bedrohlich, wenn man in größere Mengen davon konsumiert.

Im Tempel sind der Oberpriester und Sélica noch mit ihrer Zeremonie beschäftigt. Zur Bekräftigung muss die Inselkönigin die Hand auf ein goldenes Buch legen. Sélica soll schwören, dass kein Fremdling mit seiner sündigen Gegenwart jemals den Boden des Vaterlandes beflecken darf. Schlimme Aussichten für Vasco! Brahma, Vischnu und Shiva wird gehuldigt, ihnen wird erklärt, dass die Bevölkerung sie hoch verehrt.

Vasco ist es wiederum gelungen, der Todesgefahr zu entgehen und macht auf der Insel einen Erkundungsrundgang. Es gefällt ihm hier so gut, dass er die schönste Arie der gesamten Oper anstimmt. „Pays merveilleux – Land so wunderbar“. Der Himmel ist blau und rein, die Gärten fruchtbar und die Tempel voller Glanz. Das Eden, das keinem gleicht und an Schätzen und Wundern so reich ist, will er festhalten, denn er hat die Vorstellung, dass alles ihm gehört. Da er es allein aber nicht bewirtschaften kann, will er die fruchtbaren Felder an das Vaterland abtreten.

Die Priester des Brahma bereiten den Betrachtungen des Träumers ein jähes Ende. Das Opfer ist dem Tod verfallen, Rachechöre rings erschallen! Vasco ist sprachlos, gerade jetzt, so dicht am Ziel, soll er sterben und sein Ruhm untergehen.

Wie gut, dass Sélica gerade die Tempeltreppe herunterkommt. Nelusco erahnt ihre Gedanken. Will sie etwa dem Gesetz trotzen und den Schwur brechen, um den Geliebten zu schonen? Sie gibt Vasco als ihren Mann aus, den sie in der Fremde aus Mitleid geheiratet habe, weil er für eine Straftat zum Tode verurteilt nur das Eheversprechen einer Frau ihn habe retten können. Vasco ist erstaunt, aber Sélica flüstert ihm zu, er soll das Spielchen akzeptieren, es geschehe, um ihn zu retten - später könne er machen, was er wolle. Sélica soll auf das Goldene Buch schwören, dass sie die Wahrheit sagt. Ach, nur für sie hat Neluscos Herz so warm geschlagen. Wie soll er nun das Leid ertragen, klagt Nelusco, dem Sélica vorher mit Selbstmord gedroht hat, wenn er den wahren Sachverhalt verrät. Das Opfer mag geschehen, als Opfergabe für sie. Ihr Glück soll niemand stören, Nelusco selbst wird es vermehren, will gern für sie steben. Der Oberpriester gibt keine Ruhe. Jetzt soll Nelusco auch noch auf das Goldene Buch einen Eid leisten. Der Himmel möge richten, der Donner ihn vernichten. Danach wird die Heiratszeremonie zwischen Vasco und Sélica wiederholt und abgesegnet. Die Königin wird vom Oberpriester auf den schönen Brauch der Witwenverbrennung hingewiesen, falls dem Portugiesen etwas zustoßen sollte.

Der Opernbesucher erinnert sich, dass der Segler mit dem Vasco hergekommen ist, noch zur Verfügung steht. Sobald seine Leute den Vermissten aufgespürt haben, besteht Hoffnung, das Land zu verlassen. Vasco hat den Verlust von Inès fast verschmerzt und gibt sich ganz den Reizen der Inselkönigin hin. Das wurde auch Zeit, denn schließlich erwartet das Publikum ein Liebesduett zwischen der Afrikanerin - stellvertretend für einen ganzen Erdteil - und dem bedeutenden Weltumsegler Vasco da Gama. Er muss noch versprechen, dass er die tote Inès vergessen wird, dann gibt es für ein vollständiges Glück kein Hindernis mehr. O welche Seligkeit! Plötzlich hört man hinter der Szene die klagende Inès, die sich von der Welt verabschiedet. Wird Vasco etwa von einem Phantom genarrt? Leb' wohl Inès!
5. Akt: Die eifersüchtige Sélica fühlt sich von Vasco verraten. Sie ist empört. und lässt die gefangengenommene Inès vor sich bringen. Sie macht der Betrübten klar, dass sie nicht als Rivalin, sondern als Königin zu ihr spricht. Wie konnte es Inès gelingen, Kontakt zu dem Geliebten aufzunehmen und ihn auf die Insel zu bringen? Inès beteuert glaubwürdig ihre Unschuld und Sélica sieht, wie die Niedergeschlagene ebenfalls an der Liebe zu Vasco leidet. Inès beteuert, die eheliche Verbindung zu respektieren und erklärt ihren endgültigen Verzicht auf Vasco. Sélica ist besänftigt und erkennt, dass Inès keine Intrigantin ist, ahnt aber, dass der Wankelmütige sich ewig nach ihr sehnen wird. Sie fasst den schweren Entschluss, auf den Portugiesen zu verzichten und beauftragt Nelusco, den Unbeständigen mit Inès zusammenzuführen und zu seinem Schiff zu bringen. Sobald die beiden an Bord sind, solle er ihnen der Königin Lebewohl übermitteln. Diesen Auftrag führt Nelusco mit Vergnügen aus. Sélica selbst wird sich zu dem Kap begeben, wo der todbringende Manzanillo-Baum seinen Duft versprüht, um das Schiff mit den Augen zu verfolgen bis es mit dem geliebten Menschen am Horizont entschwindet.

Szenenwechsel

Mit der Arie „D'ici je vois la mer“ hebt Sélica an und gestaltet die große Finalszene. Einsam und verlassen steht sie unter dem mit Blüten übersäten Manzanillo-Baum, der als markantes Wahrzeichen das Kap der Insel beherrscht. Die wilden Wogen, die sich an den Klippen brechen, gleichen dem Schmerz, der in ihrem Inneren tobt. Einige Blüten sind heruntergefallen und die Königin hebt sie auf, um ihren tödlichen Duft einzuatmen.

Ihr Abschied an das Leben ist voller Poesie. Liebe berauscht sie und ihr schwinden die Sinne. Das Himmelstor öffnet sich und Brahma tritt im Strahlenkleide hervor zu ihr.

Nelusco möchte ohne seine Herrin nicht weiterleben, nimmt eine gewaltige Priese, und berauscht vom Duft der Blüten hört er den Gesang der schwarzen Geister. Das letzte Wort hat der Opernchor: „In der Liebe gewaltigem Reich sind alle, alle gleich.“

Beschreibung:

Giacomo Meyerbeer hatte seinen Anhängern eine „Afrikanerin“ versprochen und eine Inderin ist dabei herausgekommen. Zu Unrecht fühlten sich die Zeitgenossen irritiert, denn es ist geschichtlich nachgewiesen, dass es schon im Altertum zwischen dem indischen Subkontinent und der afrikanischen Ostküste Beziehungen kultureller Natur gab.

Die Titelträgerin, eine Inselkönigin, beendet ihr Leben durch das Einatmen giftiger Substanzen der Blüten eines Wolfsmilchgewächses. Die spontane tödliche Wirkung erzeugt angeblich der Hippomane manicella, auch Manzanillo-Baum genannt. Wirklich gefährlich ist der Genuss seiner grünen Äpfel, verhängnisvoll ist auch der milchige Saft der Stiele und des Laubwerks, der ein Abschälen der Haut verursacht. Letzteres wäre allerdings wenig opernträchtig und so lassen wir Herrn Meyerbeer den Vorrang, die Afrikanerin an Blütenblättern schnuppern zu lassen, die gemäß Aufführungspraxis von einem Magnolienbaum abstammen könnten.

Eugène Scribe fand sofort Gefallen an dem Entwurf der Bühnenschriftstellerin Charlotte Birch-Pfeiffer, die dem Komponisten anlässlich eines Kuraufenthalts in Baden-Baden im Jahre 1837 den Stoff angeboten hatte. Schon nach einigen Monaten war das Libretto fertig, aber Meyerbeer begann zu kritisieren, und das Projekt wurde bis 1853 beiseite gelegt. Der Arbeitstitel nannte sich jetzt „Vasco da Gama“, und Nelusco hieß Yorico. Meyerbeer verwarf alles Fertiggestellte und begann von neuem mit der Vertonung. Die Sache bekam weiteren Schwung, als Eugène Scribe verstorben war und Meyerbeer glaubte, es dem Andenken des Dahingegangenen schuldig zu sein, eine „Afrikanerin“ herauszubringen. Die Sängerin Cruvelli, die für die Titelpartie vorgesehen war, fiel wegen Heirat mit einem französischen Adeligen aus. Der Komponist verstarb und sein Nachlassverwalter F. J. Fétis reduzierte die Partitur um die Hälfte. Es verblieb die Form, wie dem Musikfreund das Werk heute zu Gehör gebracht wird.

Die Uraufführung an der Grand Opéra wurde ein rauschender Erfolg, und die eingedeutschte Fassung wenig später in Berlin ebenfalls. Exotik traf den Nerv der Zeit.

Dokumentarischen Wert hat die Inszenierung des San Francisco Opera House, die unter Maurizio Arena auf Tonträger eingespielt wurde und in der Placido Domingo, Shirley Verret, Justino Diaz und Ann Ruth Swenson die Hauptpartien singen.
Letzte Änderung am 13. August 2007
Veröffentlichung mit Zustimmung von musirony

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