Florent Schmitt (1870-1958)

La Tragédie de Salomé

(Die Tragödie der Salome)

Allgemeine Angaben zum Ballett:

Titel: La Tragédie de Salomé
Titel deutsch: Die Tragödie der Salome
Titel englisch: The Tragedy of Salome
Entstehungszeit: 1907
Uraufführung: 12. Juni 1913, Théâtre des Champs-Elysees
Besetzung: Singstimme und Kammerorchester
Spieldauer: ca. 60 Minuten
Opus: op. 50

Kaufempfehlung:

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[Details]
Psaume 47 op.38 (Hyperion, DDD, 2007)
Florent Schmitt (1870-1958)

FonoForum 11 / 07: "Was immer man mit französischer Musik assoziieren mag - impressionistische Klangfarben, exquisiter Detailismus -, Schmitt entspricht solchen Erwartungen kaum; seine Musik ist monumental, greift aus ins Dionysische oder gar Barbarische. Die Psalm-Vertonung ist eher ein heidnisches Triumphlied, eine Musik des Überredens, und das mit den besten künstlerischen Argumenten. Orchester und Chor unter Thierry Fischers Leitung spielen und singen mit kompromisslosem Engagement."

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Zum Ballett:

Art: Ballett in einem Akt und sieben Bildern
Libretto: Robert d’Humiéres
Ort: Das Heilige Land
Zeit: um die Zeitenwende

Personen:

Salome
Jean
Herod
Herodias
Scharfrichter

Handlung:

1. Bild
Jean hat jederzeit freien Zutritt zum Palast des Tetrarchen. Wohl fühlt er sich in der Sommerresidenz am Toten Meer nicht. In der Regel wartet er, bis die Sonne untergeht, und kreuzt dann schnell die Terrasse. Alles um ihn herum schockiert ihn. Die Atmosphäre von Luxus und Misstrauen, das Ambiente des Harems und die Allgegenwart des Scharfrichters.

Seine Anwesenheit ist vom Herrscher gern gesehen, denn er braucht seinen Rat. Die Worte des Hellsehers sind oftmals bedrohlich, aber dem Herrn des Himmels gefällt es, seine Ratschlüsse durch handverlesene Propheten zu verkünden, und man muss sich fügen und der Stolz Blessuren in Kauf nehmen.

In Rom hat man den König der Juden wieder einmal beim Cäsar angeschwärzt, und er muss sich aus der Schlinge ziehen. Man erinnere sich, Herod hatte die Frau seines Bruders geehelicht und die erste Gemahlin, eine Nabatäer-Prinzessin, zu ihrem Vater zurückgeschickt. Ein Vergeltungskrieg erschütterte das Land, und die Missbilligung Roms, deren Auswirkungen er immer wieder aufs Neue zu spüren bekommt, waren die Folge.

Mit seiner Weisheit und seiner Moral steht Jean in Opposition zu Herodias, von Herod einst geliebt, deren Ratschläge aber untauglich sind und nur auf die eigene Machtstellung abzielen. Das Verhältnis zwischen der Königin und Jean äußert sich in kaltem Hass. In Begleitung ihrer Tochter Salome kommt Herodias aus ihren Gemächern, wird vom Propheten prompt denunziert, und der König schreitet nicht ein. Wut blitzt aus ihren Augen, und beide messen stumm Einfluss zur Bevormundung über den König der Juden.

2. Bild
Im Kollektivbewusstsein der Menschen hat sich seit zweitausend Jahren festgesetzt, dass die Prinzessin von Judäa eine vorzügliche Tänzerin ist, gewissermaßen eine Mata Hari des Altertums. Ihr Diplom hat sie in Rom gemacht, wo sie die Jugend verbrachte und mit den heidnischen Fruchtbarkeitskulten ihrer angestammten Heimat in Berührung kam. Von Natur aus außerordentlich begabt, verfügt sie über ein weitgespanntes Repertoire der erotischen Tanzkunst. Um fit zu bleiben, muss man täglich üben und ein vorzügliches Tanzensemble mit Instrumentalisten in Bereitschaft halten.

Das Ambiente stimmt: Die Halle ist geschmückt, Kübel mit Grünpflanzen verdecken teilweise die kostbaren Malereien an den Wänden und brennende Fackeln beleuchten stimmungsvoll die Szene. Und nun die Tänzerin selbst: Tadellose Erscheinung, Juwelen in den Haaren und im Bauchnabel. Perlenschnüre umwinden den geschmeidigen Körper. Der Tanz, der auf dem Programm steht heißt

DER TANZ DER PERLEN

Salome mimt kindliches Entzücken, Herod ist begeistert. Triumph auf den Gesichtzügen von Herodias. Sie überlegt bereits, wie sie die erotische Anziehung ihrer Tochter auf den Tetrarchen für ihre Zwecke nutzen kann.

3. Bild
Das Herrscherpaar hat zum Bankett eingeladen und auf dem Thronsessel Platz genommen. Sklavinnen bringen frisches Obst und Erfrischungen für alle. Herodias blickt besonders zärtlich zu ihrem Gemahl und versucht, seine Liebe zurückzugewinnen. Sie erinnert ihn an die Zeiten ihrer ersten jungen Liebe. Herod zeigt sich abweisend, und nun weiß sie endgültig, dass sie sich nur noch auf ihre Ränke verlassen kann. Salome erscheint auf dem obersten Absatz der großen Treppe. Geschmückt ist mit einem Kleid aus herrlichen Federn. Sie zelebriert den

TANZ DES PFAUS.

4. Szene
Die Schlange ist das Symbol für Sinnlichkeit und bizarre Erotik. Eine professionelle orientalische Tänzerin hat selbstverständlich auch einen Schlangentanz im Programm. Sonst wäre ihre Ausbildung unvollständig gewesen.

An der Basis des Gemäuers winden sich zwei giftige Kobras. Die königliche Mutter, ansonsten nicht schreckhaft, weicht zurück. Doch Salome hat keine Angst. Sie hat die Reptilien vorher reichlich mit Mäusen gefüttert, so dass diese keinen Appetit auf kleine Mädchen haben. Sie geht liebevoll mit ihnen um, legt sie sich um den Hals oder setzt sie vor sich auf die Marmorfliesen. Salome tanzt nun den

SCHLANGENTANZ.

5. Szene
Die Natur greift in das Geschehen ein und treibt die müde Handlung voran. Ein Unwetter ist aufgezogen. Blitze zucken in der Nacht. Ein Orkan peitscht die See. Der Gischt schäumt an der Front des Palastes empor. Das Tote Meer ist wie verzaubert. Mysteriöse Lichter tanzen auf den Wogen. Aus der Tiefe ragen Gebäude der untergegangenen Stadt Pentapolis empor. Antike Szenen erwachen zum Leben, die Toten winken den Lebenden zu. Salome und das Herrscherpaar sind ganz verwirrt. Das Lied Aischas, wer immer das auch sein mag, klingt aus der Tiefe.

DER TANZ DES BOGESCHÜTZEN

lenkt vorübergehend vom Geschehen des verzauberten Sees ab. Seinen Gedanken überlassen, brütet Herod vor sich hin, während die Gemahlin ihn misstrauisch beäugt. Salome ist gefangen von dem Naturschauspiel der Nacht. Ganz in Silber gekleidet tanzt sie nun den

TANZ DES BLITZES.

Dämonisch und unheilverkündend sind ihre Bewegungen. Die Musik verbreitet eine Atmosphäre voller Sinnlichkeit und nervöser Anspannung. Eine Vorahnung von tragischer Gewalt liegt in der Luft.

6. Szene:
Der Himmel wird dunkelrot. In der Ferne rollt der Donner. Die Fackeln sind erloschen. Dunkelheit bedeckt die Szene, und ein furchtbares Drama nimmt seinen Anfang. Gelegentliches Zucken der Blitze lassen den Zuschauer erahnen, was auf der Bühne geschieht. Salome tanzt den

TANZ DER SIEBEN SCHLEIER

lasziv und voller Erotik, von Herod aufmerksam verfolgt. Schließlich greift der König nach der Tänzerin und zerreist den letzten Schleier. Für Jean ist das zuviel, der Gottesmann eilt herbei und bedeckt den Körper Salomes mit seinem Mantel. Er denkt sie sei unbekleidet, doch das Ballettpublikum weiß es besser und hat bemerkt, dass ein fleischfarbenes Trikot ihren Körper einschließt. Herod ist verständlicherweise verärgert, weil er sich überwacht fühlt und seine Intimsphäre beeinträchtigt sieht. Er hebt die Hand, und Herodias missversteht das Signal absichtlich und schickt den Scharfrichter. Der Henker zerrt Jean fort, und die Dinge nehmen ihren Lauf. Viel Zeit benötigt der Scherge nicht. Bald ist er zurück und präsentiert auf einem Bronzeteller den abgeschlagenen Kopf des Moralhüters. Salome kann kein Blut sehen, nimmt den Kopf beim Schopf und wirft ihn in hohem Bogen über die Einfassung der Terrasse ins tosende Meer, welches sofort die rote Farbe des Blutes annimmt.

7 Szene:
Salome ist erschrocken. Das Haupt wird immer wieder angespült und starrt sie an, so oft sie den Kopf auch zur Seite dreht. Die Terrasse ist bereits überflutet. Angst und Schrecken multiplizieren sich und steigen sich zum Wahnsinn. Nun startet Salome ihren letzten Tanz, den

TANZ DER FURCHT.

Der Sturm tobt nun auch durch das Innere des Palastes und diktiert die Bewegungen der Tänzer. Unter dem Sturm biegen sich die Dattelpalmen bis zur Erde, und ihre Früchte fallen zu Boden. Die gegenüberliegende Küste von Moab erglüht vom Widerschein des Feuers. Der Berg Nebo hat sich auf seinen Vulkanismus besonnen und spuckt heiße Lava.

Infernalische Besessenheit treibt die Tänzer zu äußerster Anstrengung bis die Wohnanlage durch die Gewalten der Natur zusammenstürzt und alles unter sich begräbt.

Beschreibung:

Drei Meister in der Kunst des Orchestrierens, Strauss, Massenet und Schmitt, griffen sich den Mythos der Salome, um ihn in Musik zu setzen. Schmitt bevorzugte die Form des Balletts und umging das biblische Thema, indem sein Librettist den Kern der Handlung in den Bereich der Naturgewalten verschob. Ursprünglich für kleines Orchester gedacht, besann sich Schmitt auf seine Potenz und seine Möglichkeiten, Reiseerlebnisse in den Orient musikalisch in die Musik aufzunehmen und stellte um auf einen monumentalen Orchesterapparat. Insbesondere den drei Schlussbildern kommt die Änderung zugute. Hier zeigt der Komponist seine Vitalität und sein Temperament in der Schilderung der barbarischen Seite des Orients. Während seines Aufenthaltes in der Türkei bot sich Schmitt die Gelegenheit, den Tanz der „Heulenden Derwische“ in seiner Mystik und seiner Besessenheit zu erleben. Sakral im Charakter und gewaltsam in der Auswirkung, könnten ihn diese Erlebnisse zu den Tänzen der Salome inspiriert haben.

Nach heutigen Maßstäben ist unverständlich, weshalb das Ballett seinerzeit in Paris und Monte Carlo durchfallen konnte. Spielten die Nachwirkungen des Schocks eine Rolle, die Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ zwei Wochen zuvor verursacht hatten? War es die erhebliche Abweichung von den biblischen Texten oder die mangelhafte Ausführung einer zündenden Idee. Musste bei den Dekorationen gespart werden? An der Solistin kann es nicht gelegen haben, denn die Karsawina war eine der bedeutendsten Ballerinen ihrer Zeit.

In einer neuen Choreographie gehört „Die Tragödie der Salome“ heute zum festen Repertoire der Pariser Oper. Eine härtere Herausforderung mit der unendlichen Vielfalt der tänzerischen Möglichkeiten kann sich eine Primaballerina gar nicht wünschen.

Die „Salome“ ist das bedeutendste Orchesterwerk von Florent Schmitt. Igor Strawinski äußerte seine Wertschätzung in einem Brief an Florent Schmitt vom 23. Februar 1912 „God, how fine it is! It is one of the greatest masterpieces of modern music”.
Letzte Änderung am 4. August 2006
Beitrag von Engelbert Hellen

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